Von Norbert Denkel

Soll man als weise Beschränkung loben oder beklagen, was im einen wie im anderen Fall den größten Mangel dieses Buches ausmacht: die kleine Auflage? Ganze 1700 Exemplare weist das Impressum aus. Die allerdings zu einem Nobelpreis

Siegfried Unseld: "Der Marienbader Korb – Über die Buchgestaltung im Suhrkamp Verlag – Willy Fleckhaus zu ehren"; Maximilian-Gesellschaft, Hamburg (Auslieferung: Hauswedell, Hamburg), 1977; 113 S., Abb., 120,–DM

Nobel geht es auch im Buche zu: Hier schreibt der Chef selber, wie es in der Küche zugeht, nennt Zutat und Rezept und, fürwahr, das Wasser läuft einem im Mund zusammen (manchmal auch in den Augen). Ganz so, wie sich das für ein Kochbuch der "Grande Cuisine" gehört. Am Ende des Buches hat man mehr zugehört als gelesen, ist belehrt und erquickt vom reichen Zitatenschatz.

Die "heilige Ware Buch" (Brecht) und die internen Kämpfe während dreier Jahrzehnte um die äußere Gestalt eben dieser mit Inbrunst (heilig) verfaßter, die Durststrecken kapitalistischer Labyrinthe durchlaufender (Ware) ans Ende sich wieder selbstreinigender Form (Buch) muß sich gefallen lassen, auf den Goetheschen Anspruch des Marienbader Korbes hin untersucht zu werden, denn, so Goethe über seinen Reisekorb: "Wenn er leer ist, legt er sich zusammen und nimmt wenig Raum ein, gefüllt dehnt er sich nach allen Seiten aus und faßt mehr als man denken sollte ... er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so daß man also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung."

Die "Ästhetik des Brauchbaren" (Siegfried Unseld) wird also verhandelt, vom Korb, und, was uns bei Goethe abgeht, auch vom Korbmacher wird geredet, ihm wird das Denkmal gerichtet: Willy Fleckhaus. Unseld: "Nun haben bedeutende Autoren in aller Regel das beste Verhältnis zur Stärke wie auch zur Schwäche der intellektuellen und ästhetischen Qualität ihrer Texte, doch, von singulären Ausnahmen abgesehen, haben sie nicht immer das beste Urteil zur Umschlaggestaltung, neben dem Satz mit der Drucktype, die zweite Verfremdung ihres Textes und die Verwandlung zur Ware Buch bedeutet."

Damit ist das dünne Eis beschrieben, das Arbeitsfeld des Graphikers, auf dem er sein Handwerk versieht. Manchmal mit einer erfolgreichen Kür: "... traf ein einziger Entwurf ein ... in Übereinstimmung mit allen Mitarbeitern ... spontan für diesen Entwurf..." (Unseld); ein andermal das kalte Wasser nach dem Einbruch "... sei Max Frischs Roman ‚Mein Name sei Gantenbein‘ erwähnt. F. hatte einen Umschlag entworfen, der durch zwei kreisförmig angeordnete, graphische Elemente die Brille eines Blinden ausdrücken sollte. F. las den Satz im Roman: "Ich stelle mir vor: Mein Leben mit einer großen Schauspielerin, die ich liebe und daher glauben lasse ich sei blind, unser Glück infolgedessen. Ihr Name sei lila.’ F. hatte seine Grafik in lila angelegt. Genau das lehnte Frisch ab. Er schrieb: ‚... vielen Dank für die Umschlagentwürfe. Diesmal bin ich nicht einverstanden. Und zwar ganz entschieden nicht... und die Gründe, die ich nun zu unterbreiten habe, können noch so anfechtbar sein ... der Einwand der sich wortlos liefern läßt, liegt bei – ferner: Max Frisch/mein Name sei Gantenbein, das tendiert zum Privaten, zum Autobiografischen, das unterstellt eine Ich-Einheit von Autor und Figur. Und das ist fatal... die Symbolik (Brille) ist, würde sie begriffen, an den Haaren der Grafik herbeigezogen, mit Verlaub gesagt. Und überflüssig. Und auch das Lila möchte ich ganz und gar nicht, lila als Wort und lila als faktische Farbe, das ist zweierlei. Übrigens kann ich lila als Farbe nicht leiden."