ZDF, Sonntag, 17. April: "Aller Anfang ist schwer", Beobachtungen an einer Universität, von Klaus Amann

Ein Student berichtete über Studenten. Ein älteres Semester zeigte die Probleme seiner jüngeren Kommilitonen: die Angst im überfüllten Seminar und die Angst vor dem Alleinsein, die Angst in einer Gemeinschaft, die keine ist, und die Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ein Autor aus Hannover reiste nicht durchs Land, ein bißchen Konstanz, ein bißchen Erlangen, ein bißchen Tübingen, sondern blieb an der Leine und zeigte ein Stück Welt, das ihm vertraut ist.

Beschränkung und Bescheidenheit, Detailkenntnis und nüchterne Benennung der Szene, das war es, was an diesem Film überzeugte – eine Dokumentation, deren kluger Aufbau den Betrachter am Bildschirm veranlaßte, die Lage vor Ort aus dem Blickwinkel eines ersten Semesters zu sehen: gestern Schulentlassung und familiäre Idylle (oder deren Gegenteil), heute Anonymität im Seminar, gepaart mit Hilflosigkeit gegenüber der Wissenschaft und ihrer Verwaltung.

Dennoch gilt das Lob nicht uneingeschränkt. So nützlich es ist, den einmal gewählten Standort nicht zu verlassen, sich vielmehr, auf Abschweifungen und Verweise verzichtend, beharrlich zu konzentrieren, so unabdingbar ist es bei dieser Methode, zumindest im Kommentar, die Besonderheit der gewählten Position zu betonen. Das heißt, der Autor hätte sagen müssen: Ich zeige eine Ausnahmesituation. Ich zeige Männer, die keinen Wehr- oder Ersatzdienst geleistet haben und darum gezwungen sind, die Hochschule ausschließlich aus der Pennäler-Sicht zu betrachten. Ich zeige einen sozialwissenschaftlichen Fachbereich an einer Technischen Universität: wiederum eine Ausnahme also – schon deshalb, weil der Studiengang in den naturwissenschaftlichen Disziplinen ganz anders reglementiert ist als in der Germanistik oder der Soziologie.

Kurzum, es war richtig, daß der Autor, statt Allgemeinheiten vorzutragen, sich aufs Besondere beschränkte, aber es wäre noch besser gewesen, das Besondere als ein solches zu charakterisieren und es kritisch in Frage zu stellen. Gruppenarbeit – schön und gut, sofern sie durch intensive Einzelvorbereitung abgesichert ist. Das Duzen zwischen Lehrenden und Lernenden – warum nicht, wenn der Dozent so um die 30 ist? Aber Gruppenarbeit als eine Art von Generalschlüssel, der alle Geheimnisse öffnet, Duzen als die natürliche Umgangsform an einer Universität: das nimmt sich, undifferenziert, denn doch ein wenig kurios aus.

In Wahrheit ist das Bild höchst bunt und kontrovers: Wer sich in Konstanz pudelwohl fühlte, als Studiosus, ist – wer weiß? – in Hamburg todeinsam; wer in Erlangen als Linksaußen fungierte, gilt in Bremen als Konservativer; wer als Mathematiker Klausuren auf dem Feld der Wahrscheinlichkeitsrechnung geschrieben hat, kommt sich nach einem Studienwechsel als Diskussionsredner in einem sozialwissenschaftlichen Seminar wie auf einen anderen Stern versetzt vor.

Wäre von alldem in zwei oder drei Sätzen die Rede gewesen – ich bin sicher, das besondere Bild hätte an Konkretion und Intensität noch gewonnen. Die Froschperspektive, sagt eine alte Regel, erfüllt erst dann ihren eigentlichen Sinn, wenn zumindest eine Sekunde lang, aus der Sicht vom Ballon herab, deutlich wird, daß das genau betrachtete Detail noch lange nicht das Ganze ist.

Momos