Die Bundeswehr zwischen Nostalgie und Geschichtslosigkeit

Von Karl-Heinz Janßen

Am Anfang stand eine Lebenslüge. Die Bundeswehr sollte nach dem Willen ihrer Schöpfer etwas "grundlegend Neues" sein – so nachzulesen in ihrer Geburtsurkunde, der Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950 (Auszüge: Seite 10). Aufgebaut wurde sie freilich von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten der Reichswehr und der Wehrmacht, Streitkräften also, die keinen demokratischen Traditionen verhaftet gewesen waren. Nach dem Schock des Koreakrieges schien die Not zu groß, als daß es anders hätte sein können; auch drängten die Amerikaner zur Eile.

Die Gruppe der Reformer um Baudissin, Kielmansegg, de Maizière hatten es von Anfang an sehr schwer, ihr Konzept der "Inneren Führung" gegen die erzkonservativen Offiziere innerhalb und außerhalb der Bundeswehr durchzusetzen. Sie erreichten viel, aber bei weitem nicht alles. Ob sie es wollten oder nicht, sie mußten alsbald ihrem Ideal einer Armee ohne Fahnen und Lametta, ohne Klimbim und Großen Zapfenstreich abschwören und den "Traditionalisten" Gelände preisgeben. Schließlich, nach jahrelangem Streit, sollte der 1965 von Bundesverteidigungsminister von Hassel unterzeichnete Traditionserlaß das Problem lösen helfen. Aber es wurde nicht gelöst, nur verdrängt–bis es bei der Rudel-Affäre im vorigen Herbst stichflammenartig hervorbrach.

Keine einheitliche Meinung

Jetzt brüten Parlamentarier der sozial-liberalen Koalition über einer Novellierung des Traditionserlasses; auch in den Streitkräften werden erste Gedanken, Anregungen ausgetauscht. Bundesminister Leber steht zwar nach wie vor zu seinem Wort, daß er vor einem Jahr in der ZEIT niederlegte: Er denke gar nicht daran, den Erlaß "Bundeswehr und Tradition" zu ändern oder aufzuheben. Aber das Parlament könnte ihm sehr wohl die Diskussion aufzwingen.

Noch wogen die Meinungen wild durcheinander. Die einen finden, mit dem Erlaß vom 1. Juli 1965 lasse sich’s leben – der Skandal um die Fliegergenerale Krupinski und Franke sei ein Fall des Ungehorsams, nicht des falschen Traditionsverständnisses gewesen. Die anderen möchten den Erlaß aufheben, weil er Kompanieführern und Kommandeuren einen zu weiten Ermessensspielraum gebe. Vor allem lasse er offen – so jüngst Graf Baudissin –, "ob die Bundeswehr an eine ungebrochene, das heißt nicht selektierte Tradition der Wehrmacht anknüpfen soll und kann". Wieder andere – an ihrer Spitze Bundeskanzler Schmidt und der Wehrbeauftragte Berkhan, die Wehrreformer von 1969/70 – meinen, zwanzig Jahre seien genug, um endlich eine neue, eigene Tradition der Bundeswehr zu begründen. Baudissin nennt das "Stiftung von Kontinuität in die Zukunft hinein".