Von Dieter E. Zimmer

Was treibt Karin Struck ins Gewächshaus? Was veranlaßt Vladimir Nabokov, einen Schmetterling aus Papier zu fangen? Was versetzt Günter Herburger auf den Friedhof? Was nötigt Christian Geißler zum Spaziergang auf Hamburgs Dächern? Das Fernsehen!

"Das wird keiner vergessen, der das durchgemacht hat", erinnert sich Martin Walser. "Das Tollste war, als ich einmal auf einem Müllabladeplatz an schwelenden Flammen vorbei mit Gummistiefeln durch den Schlamm waten mußte. Oder als das Fernsehen bei mir im Keller ein altes kahles Schaukelpferd aufgestöbert hatte und vor mir aufstellte: ich auf dem Sofa, vor mir diese kahle Sängerin, drei Meter vor uns auf dem Boden der Kameramann, der wie mit einem Maschinengewehr auf uns zielte." Peter Rühmkorf hat ähnliches durchgemacht: "Einmal wollten sie mich auf einen Kinderhochsitz am Elbstrand setzen und von dort herunter Gedichte lesen lassen – das fanden sie witzig. Damals habe ich standhaft nein gesagt; gegen den Autofriedhof, auf dem ich Lyrik vortragen sollte, habe ich mich nicht gewehrt. Das waren ganz, vertrackte, unnormale, exzentrische Situationen, in die einen das Fernsehen mit Vorliebe brachte; mit der Sache selbst hatten sie gar nichts zu tun – es kam nur an auf den Gag."

Wie ein Autor vom Fernsehen gepeinigt wird, festgelegt auf ein schiefes Bild, das sich ein Regisseur von ihm gemacht hat, genötigt, eine triste Vergangenheit nachzuspielen, die er für sich selber längst abgeschlossen hat, beschreibt Gabriele Wohmann in ihrem Roman "Schönes Gehege": "Plath mußte mit Schrecken zusehen, wie Rolls und des Teams unkundige Hände noch mehr Unordnung auf seinen fünf Arbeitstischen herstellten ... Jetzt setzen Sie sich bitte schräg so hin. Ihr. Ausbruch müßte laut Drehbuch so in etwa verzweifelt sein ... Die leeren Bierflaschen und das Schnapsglas, holt mal was rauf, sagte Roll. So, allmählich fängt’s an, nach freischaffendem Künstler auszusehen... Ganz ohne Tricks und Beschummeln geht es nicht in unserem Gewerbe." Fernsehen: die große effektsüchtige Mogelei.

Fernsehen und Literatur, Literatur im Fernsehen – daß es sich da um eine ungetrübte Beziehung handelt, wird niemand behaupten wollen. Literatur gerät ins Fernsehen, wenn sie verfilmt wird, meist unter Verlusten. Literaten versorgen hin und wieder das Fernsehen mit Originalskripten, aber nur ganz selten lassen sich beide Seiten so intensiv miteinander ein, daß sie aus diesem Kontakt für ihre übrige Praxis lernen. Von Autoren und Büchern handeln des öfteren die allgemeinen Kulturmagazine ("TTT – Titel Thesen Temperamente" in der ARD und "Aspekte" beim ZDF). Gelegentlich verirrt sich ein Schriftsteller in eine Quiz- oder Unterhaltungssendung, und wenn er Entertainer-Qualitäten hat, sind solche Auftritte werbewirksam wie sonst nichts. Und zuweilen gelingt es einer Kulturredaktion, einen Feature-Termin für ein literarisches Thema zu erobern.

Davon abgesehen, gibt es zur Zeit acht regelmäßige Sendungen über Autoren und Bücher: eine im Ersten Programm der ARD, eine im ZDF. und sechs in den Dritten Programmen, die ihre Beiträge teilweise untereinander austauschen. Insgesamt werden etwa 80 solcher Literatursendungen im Jahr produzierte Nur von ihnen soll hier die Rede sein.

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