Befehl aus dem Bonner Verteidigungsministerium: der alte Matrosenanzug wird eingemottet

Fallen jetzt die alten Zöpfe in der Bundeswehr? Die Marvine fängt bei der Uniform an: Statt Mützenbändern und dem großen Kragen mit den drei weißen Streifen am Rand jetzt Schlips und Kragen. Der "Kieler Knabenanzug" wird eingemottet, hier erlebt Lord Nelson sein Waterloo.

Die neue Kleiderordnung kommt von Landratten, angeordnet aus der Bonner Hardthöhe. "Wäsche achtern ahoi." Aus Seelords werden Schlipssoldaten. Ein Stück Tradition geht über Bord – bedauern werden es verklärte Mütter, die ihren Heranwachsenden so gern in diesem blauen Tuch sehen. Konzession an die Nostalgie: Für den Borddienst bleibt das "Päckchen" erhalten.

Eine Zwangsjacke war es allemal, dieses Traditionstrikot, mit dem Marinern in Leinen, Filz und Seide die Geschichte der Christlichen Seefahrt förmlich umgehängt wurde. Seefahrt tut Not – diese Verkleidung sicher nicht. Sie trug der Marine bei Spöttern den Ruf ein, eine norddeutsche Trachtengruppe zu sein, die im Ernstfall den Feind durch lustige Einlagen so lange unterhält, bis richtige Soldaten kommen.

Dennoch werden viele diese "Modernisierung" der Trupps sicherlich bedauern, eben jene, die diese Kluft niemals tragen mußten. Wenn die Gorch Fock etwa mit ihren Botschaftern in Blau einen fremden Hafen anläuft, so bieten die Kadetten mit ihren flatternden Mützenbändern und den im Fahrtwind "killenden" Hosen ganz sicher ein schönes Bild, doch die Postkartenidylle trügt. Bereits an Land muß der Kadett plötzlich feststellen, daß seine Uniform oftmals weniger völkerverbindend ist, als er geglaubt haben mag. Ohne Krawatte bleibt für ihn so manche Bar oder Messe geschlossen.

Knabenanzug bleibt Knabenanzug – ganz gleich wieviel Geschichte er zeigt. Wer heute mit flatternden Mützenbändern eine Bar ansteuert, hat sicher mehr Skrupel, sich auch mit Gewalt Einlaß zu verschaffen, als etwa ein Seefahrer früherer Zeiten, dessen geteerter Zopf schon Respekt einflößte. Der blaue Exerzierkragen sollte zu früheren Zeiten übrigens die Weste vor dem schmutzigen Teerzopf schützen, die drei weißen Streifen symbolisieren drei siegreiche Seeschlachten des Lord Nelson. Ein Schifferknoten aus Seide macht das komplizierte Dekolleté komplett.

Damit verbinden sich viele Leiden des Landgangs deutscher Seefahrer. Die Anzugsmusterung etwa konnte Stunden dauern, wenn ein penibler oder sadistischer Wachmaat sich die Anhängsel dieser Zwangsjacke ganz genau anschaute. Und wer denn glücklich von Bord gekommen war, mußte oft an Land eine Isolierung wegen eben dieses Anzugs erleben.

Nein, nein, man sollte der "Wäsche achtern" nicht eine Träne nachweinen. Mögen Mütter mäkeln – die Marine ist auf dem richtigen Weg. Ein Stück überholter Tradition wird in den Spind gehängt. Doch mit den Uniformen ist es nicht getan. Noch andere Zöpfe warten, darauf, abgeschnitten zu werden. Da wären zum Beispiel die Namen moderner Schiffe, etwa der Lenkwaffenzerstörer: Sie heißen Rommels, Mölders und Lütjens. Das sind nicht nur Äußerlichkeiten. Auch sie fahren ins Ausland. Als Botschafter in Gran. Rainer Burchardt