Australien könnte ein Fünftel des Weltverbrauchs an Uran decken, wenn es wollte

Das Thema Uranexport ist in Canberra ein Tabu. Selbst höhere Beamte aus dem Ministerium für Außenhandel und Rohstoffe erlauben sich nicht den Luxus einer eigenen Meinung. Wie überall ist die Kernenergie und alles, was damit zusammenhängt, auch in Australien ein unausgetragenes innenpolitisches Problem, das die vierzehn Millionen Menschen des fünften Kontinents in zwei Lager spaltet.

Auf der einen Seite kämpfen die Gewerkschaften und die Umweltschützer mit einer starken Lobby gegen Abbau und Export von Uran. Auf der anderen Seite stehen jene mit der Auffassung, der Rest der Welt werde sich immer stärker der Nuklearenergie bedienen, gleichgültig, ob sich Australien zum Export von Uran entschließt oder nicht. Wenn das so ist, folgern vor allem die Geschäftsleute, dann sollte Australien nicht abseits stehen. Die Regierung des liberalen Ministerpräsidenten Fraser ist auch dieser Ansicht. Sie setzt sich deutlich von ihrer Vorgängerin, der Labour-Regierung unter Ministerpräsident Whitlam, ab, die sich dem Uranexport standhaft widersetzt hatte. Freilich sagen es die Mitglieder des Kabinett Fraser – Liberale in Australien sind konservativ eingefärbt – noch nicht öffentlich. Denn noch ist der Schlußbericht des Untersuchungsausschusses nicht veröffentlicht worden, der prüfen sollte, was Australien mit dem Rohstoff Uran anfangen soll.

Australien besitzt fünfzehn Prozent der bekannten Uranvorkommen der Welt, Wenn man den Worten des Geschäftsführers der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Sydney, Lando Lotter, folgt, wäre das Land in der Lage, 22 Prozent des Verbrauchs der westlichen Welt zu decken. Vorläufig aber gibt es nur ein Unternehmen, das geringe Mengen Uran abbaut.

Die Unentschlossenheit in dieser Frage ist beinahe mit Händen zu greifen. Man spürt nicht viel vom Aufbruchsgeist der Einwanderer-Unternehmer. Dagegen stößt man überall auf die Philosophie vom "leichten Leben", die mit der Übernahme der britischen Gewerkschaftsstruktur mit all ihren Mängeln einen idealen Nährboden gefunden hat. Zu wirtschaftlichen Großtaten fehlt vorläufig der Konsensus und der Zwang. Das Land braucht keine Lebensmittel einzuführen, und die Menschen möchten sich am liebsten einigeln und für große Autos, große Häuser und große Steaks nur das Notwendigste tun.

Der Gedanke an das Uran scheucht sie aus ihren materialistischen Träumen vom Paradies auf Erden nur auf. Darum verdrängen sie alles, was mit Uran zusammenhängt. Die Regierung wird noch eine Menge Aufklärungsarbeit leisten müssen, wenn sie die Spuren dieser Unentschlossenheit aus der amtlichen Politik ausmerzen will. Sie verkündet zwar offiziell den Grundsatz, daß Auslandskapital willkommen sei. In der Praxis aber gibt es viele Hindernisse zu überwinden.

Auf der Aktivseite der Bilanz steht die politische Stabilität des Landes. Niemand braucht die Enteignung zu befürchten. Der Kapitalismus wird akzeptiert. Gewinn ist kein schmutziges Wort. Der Wettbewerb im Sinne des persönlichen Erfolgs steht hoch im Kurs. Wenn westliche Firmen eines Tages aufgerufen werden sollten, sich am Abbau und der Verarbeitung von Uran zu beteiligen, werden sie diese Aktiva gegen die gestörten Arbeitsbeziehungen abzuwägen haben.