Von Peter Merseburger

Der Wahl zwischen Pest und Cholera sind die Zukunftsvisionen vergleichbar, welche Gegner und Befürworter der Kernenergie seit Wyhl, Brokdorf und Grohnde gegeneinander heraufbeschwören. Feinde der Kernkraft entwerfen die Horror-Utopie einer strahlenverseuchten, von Plutonium-Gangstern erpreßten Welt voller Risiken, gegen die auch straffste Atomstaat-Diktatur nur unzulänglich schützen kann. Anhänger der Atomkraft kontern mit dem nicht minder düsteren Bild einer Welt, in der die Lichter ausgehen. Gegen die Angstmacherei der Antiatombewegung mobilisieren sie die Angst vor der Energielücke, welche auf dem Umweg über Massenarbeitslosigkeit und soziale Unruhen letztlich ebenfalls zum Verlust der Freiheit führt.

Wer die Wahl zwischen beiden Alternativen zu Recht verweigert, dem sei die Lektüre des dritten Berichts des Clubs von Rom zur materiellen Lage der Menschheit empfohlen:

Dennis Gabor / Umberto Colombo u. a.: "Das Ende der Verschwendung. Zur materiellen Lage der Menschheit. Ein Tatsachenbericht an den Club of Rome"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stutgart 1976; 251 S., 22,– DM.

Eine internationale Wissenschaftlergruppe unter Leitung von Gabor und Colombo untersucht die Frage, ob die Ressourcen der Erde ausreichen, um die Grundbedürfnisse einer Weltbevölkerung zu befriedigen, die in den nächsten dreißig bis vierzig Jahren sich mit Gewißheit mindestens verdoppeln wird. Verglichen mit den früheren, düsteren Prognosen des Clubs von Rom kommen die Autoren zu dem gedämpft-optimistischen Ergebnis, daß Ernährung und Rohstoffversorgung zu sichern sind, vorausgesetzt, die modernen Industriestaaten beenden ihre Politik der Vergeudung von Energie und Material. Zu fragen bleibt freilich, wann je die Prämisse stimmt. Denn vor dem weltweiten Panorama der Probleme, das die Autoren entwerfen, erscheinen die Perspektiven unserer gegenwärtigen Politik erbärmlich kurz bemessen.

Längst wäre es notwendig, Politik langfristig und übernational zu konzipieren, um der wechselseitigen Abhängigkeit der einzelnen Regionen unserer Erde Rechnung zu tragen. Doch die Regierenden, gleich welcher Couleur, sind nahezu ausnahmslos mit dem täglichen nationalen Krisenmanagement beschäftigt. Mögen einige auch fähig sein, das Notwendige zu erkennen, so fehlen ihnen doch Mut und Elan, sich gegen das Diktat der kurzfristigen Interessen zu entscheiden. Paradebeispiel für das Elend der gegenwärtigen Politik ist der Umgang mit der Energie.

Es entspricht dem globalen Denkansatz von Gabor und Colombo, wenn sie den Bewohnern der Entwicklungsländer prinzipiell das Recht einräumen, ebenso viel Energie wie die Bürger der hochentwickelten Industriestaaten zu verbrauchen. Um viermal so viele Menschen wie heute mit zwanzig Kilowatt elektrischer Energie zu versorgen, wären allerdings 24 000 Brutreaktoren mit jeweils 5000 Megawatt Leistung nötig. Brutreaktoren erzeugen Plutonium, eines der schlimmsten Gifte, welches die Menschheit kennt. Bei einer Halbwertzeit von 25 000 Jahren müßten Hunderte von Tonnen dieses Strahlengiftes viele Zehntausende von Jahren sicher gelagert und bewacht werden.