Die beiden jungen Frauen, die auf den Einfall gekommen waren, die Messe zu stören, die Kardinal Marty mit zwei Bischöfen in der Kathedrale von Notre Dame zu Paris am Ostersonntag las, wurden im Fernsehen zunächst als "deutsche Mädchen" bezeichnet. Dieser Irrtum war begreiflich. Kaum waren sie von der linken Seite des Hauptschiffes vor den Altar gesprungen, versuchten sie, ein Spruchband zu entrollen: "Libérez les prisonniers politiques en Allemagne!"

Sie wurden rasch überwältigt. Übrigens riefen und schrien sie dabei, so daß wir zuerst an einen hysterischen Anfall glaubten, dies um so mehr, als man die Schreie noch lange hörte. Denn die Kathedrale war dicht gefüllt von Menschen, und es war vielleicht nicht ganz einfach, die beiden Frauen durch diese Menge ins Freie und ins nächste Polizeirevier zu bringen.

Dort stellte sich heraus, daß es sich um Französinnen handelte. Die eine hieß Veronique, die andere Dominique. Und mit ihrem Aufruf "Befreit die politischen Gefangenen in Deutschland!" hatten sie auch dagegen protestieren wollen, daß französische Behörden Auslieferungs-Anträgen deutscher Gerichte nachkommen, wie es in diesen Tagen im Falle des Detlev. Schultz geschah, der wegen Diebstahls und verbotenen Waffenbesitzes in Colmar einsaß und verdächtigt ist, im Mai vorigen Jahres unweit von Darmstadt einen Polizeibeamten ermordet zu haben.

Schultz bekennt sich als Anarchist von der Linie der Baader-Meinhof-Gruppe. Veronique und Dominique sind stolz darauf, mit ihr zu sympathisieren.

In Paris hat die Sache einige Aufmerksamkeit erregt. Aus den Gesprächen der "Menschen auf der Straße" ging hervor, daß viele das Propagandastück der beiden jungen Frauen als ein Sakrileg betrachteten, als einen Angriff auf Gott, zumindest als einen Spott auf die Haltung der Gläubigen. Wenn es auch vermutlich nicht die Absicht der Anarchisttinen war, Werte anzugreifen, de anderen heilig sind, so haben sie doch gerade dadurch ihrer Sache den allerschlechtesten Dienst erwiesen. "Was mich am meisten verstimmt und gegen sie einnimmt, ist, daß die Anarchisten es so weis gebracht haben, daß ich mich bei allen möglichen Gelegenheiten abtasten lassen muß", so sagte eine Frau, die sich sonst bemüht, allein und jedem Verständnis entgegenzubringen.

In der Tat, die Anarchisten und die Polit-Gewalttäter haben es vermocht, einem speziellen Berufsstand ungeahnten Aufschwung zu verleihen: den "Gorillas", den Leibwächtern, den Abtastern beiderlei Geschlechts.

Besuchen wir eine Behörde, sei es eine Botschaft oder ein Konsulat. so kommen wir an kräftigen Figuren nicht mehr vorbei, die mit einem "Gestatten Sie?" vorgehen, als seien sie Zuschneider und müßten uns einen neuen Anzug anpassen. Auf den Flughäfen fing das an. Aber mittlerweile haben wir es nicht nur einmal erlebt, daß hinterm Fahrstuhl vor einem größeren Appartement ein solcher "Gestatten-Sie-Mann" auftauchte. Da wußten wir: "Aha, man war zugleich, mit einem Prominenten geladen!"

Nicht lange hin, und wir werden beim Besuch der sonntäglichen Messe abgetastet. Für den Fall, das wir nicht beten, sondern demonstrieren, wenn nicht gar schießen wollen. Eine Handvoll Anarchisten, und wir trauen einander alles zu.