Angriff auf den Kapitalismus

Das Beste, was diese Bank für die Sache der Frauen tun kann, ist es, Gewinn zu machen", sagt Lynn D. Savage, die neue Präsidentin der First Women’s Bank, die jetzt seit einem Jahr besteht. Das Unternehmen hat mittlerweile zwei Ableger in anderen Bundesstaaten und macht beachtliche Geschäfte mit dem übrigen männlich dominierten Business.

Betty Friedan war Gründungsmitglied, und die Mehrheit in Vorstand und Kundschaft sind Frauen. Das war Voraussetzung, um vom Finanzministerium als förderungswürdige Minoritätsbank anerkannt zu werden. Frauen, so sagen Politiker in Washington, stellen zwar die demoskopische Mehrheit, wirtschaftlich und als Gruppe aber sind sie benachteiligt.

Ein Geldinstitut als Motor für Women’s Lib? Schon seit geraumer Zeit zeigen sich Amerikas Frauengruppen entschlossen, endlich auch im Geschäftsleben anerkannt zu werden. In Zeitungsartikeln und Rundfunksendungen verweisen Feministinnen auf den soliden Beitrag der Frauen zum Bruttosozialprodukt, und sie lassen keinen Zweifel daran, daß Berufstätigkeit für Frauen heute kein Hobby, sondern eine Notwendigkeit ist. Sie sind es leid, als Konsumenten eine bevorzugte Zielgruppe der Werbung zu sein, aber auf Schwierigkeiten zu stoßen, sobald sie ohne Ehemann einen Kredit aufnehmen wollen. Sie lesen bereitwillig die Stapel neuer "Hilf-dir-selbst"-Bücher zum Einmaleins des Geldanlegens; und daß eine Frau Handelsministerin geworden ist, finden sie nur recht und billig.

Der Internationale Frauentag im März war für viele eine willkommene Gelegenheit, ihre Ansprüche wieder deutlich vorzutragen.

Die Arbeitslosigkeit unter den Frauen, so sagen sie, nimmt zu; Kindertagesstätten nehmen ab. Die Diskrepanz zwischen Männer- und Frauenlöhnen bei gleicher Arbeit wird nicht kleiner, sondern größer. Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA, wonach Schwangerschaft nicht wie normale Arbeitsunfähigkeit behandelt und bezahlt werden soll, empfinden sie als diskriminierend. Zwar hat das höchste Gericht des Staates New York entgegengesetzt entschieden, aber im übrigen Land werden die Frauen weiterhin damit leben müssen, daß es immer noch keinen geregelten Schwangerschaftsurlaub gibt.

Schließlich beklagen die Frauengruppen, daß die Gewerkschaften, die meist von Männern beherrscht werden, sich zu wenig um traditionelle Frauenberufe wie Friseuse, Kosmetikerin, Sekretärin gekümmert hätten. Das Leib- und Magenblatt der engagierten Frauen, Ms. Magazine, nennt sie "pink collar jobs".

Die Anzeichen mehren sich, daß Amerikas Frauen sich künftig nicht mehr mit Diskussionen und "Bewußtseinserweiterung" zufriedengeben wollen. Bei einem Diskurs über das generelle Befinden von Women’s Lib meinte Ms. Magazine-Gründerin Gloria Steinern neulich vor Studenten der Columbia Universität: "Nach all den diagnostischen Jahren haben wir erhöhte Erwartungen, aber die Realität hat nicht Schritt gehalten."

Angriff auf den Kapitalismus

Zum Thema "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" sagte Gloria Steinem: "Wir müssen endlich herausfinden, was das eigentlich für die Gesellschaft heißt. Ein Mann von der Chase Manhattan Bank sagte mir: ‚Das wird das kapitalistische System zerstören.‘ Ich antwortete ihm: ‚Das wäre hinreißend‘." Und zum erwähnten Urteil des obersten Gerichts meinte sie: "Das bedeutet doch nichts anderes, als daß Männer für jede Haartransplantation Geld bekommen. Frauen kriegen nur Kinder, aber kein Geld."

Die weitverbreitete Männermeinung, daß erfolgreiche Frauen sich "hochschlafen", kommentiert die erfolgreiche Feministin so: "Ich habe noch keine Frau getroffen, die dadurch zu wirklicher Macht gelangt wäre. Dagegen hat es in der Geschichte ganze Generationen von Männern gegeben, die sich durch Einheirat ein Familienimperium erworben haben."

Sie beklagte auch, daß es unter den Frauenbewegungen aller Länder so wenig Kontakt gibt: "Wir brauchen eben ein internationales Zentrum. Warum", fragte sie die Studenten. mit einem aufmunternden Lächeln, "besetzen Sie nicht einfach dieses Gebäude?" Und zu den Professoren gewandt setzte sie mit großer Liebenswürdigkeit hinzu: "Meinen Sie nicht auch, daß es mal wieder an der Zeit wäre?"

Demnächst will sich Gloria Steinern als Woodrow-Wilson-Stipendiatin nach Washington begeben, um "nach Jahren der Agitation" wieder mehr zu schreiben und eine "langfristige politische Theorie der Frauenbewegung" zu entwickeln. Barbara v. Ihering