Was ist schon das Öl, das in die Nordsee ausströmt, gegen einen Fußballkaiser, den es nach Amerika zieht? Oder mal anders gefragt: Kommen wir aus den Krisen denn gar nicht mehr heraus? Brokdorf, Traube, die Arbeitslosen, die Terroristen und nun, als vorläufiger Höhepunkt: die Beckenbauer-Krise. Bleibt uns denn nichts erspart? Und womit haben wir das verdient? "Eben noch auf hohen Rossen..." Da liegt die bestürzende Frage nahe: Wird mit der Emigration von Kaiser Franz ein Zeichen gesetzt, ist das vielleicht, wie Historiker einst feststellen werden, der Anfang vom Ende?

Unsere Augen richten sich fragend nach Bonn. Hat die Regierung den Ernst der Lage erkannt, zeigt sie sich der neuen Bedrohung unseres Rechtsstaates gewachsen, bewährt sich ihr Kanzler endlich wieder als Macher – oder nimmt sie auch diese Fußballtragödie wieder mal auf die leichte Schulter?

In einer ersten Stellungnahme erklärte Regierungssprecher Bölling: Die Regierung bedaure, bei allem Verständnis für Beckenbauers Motive, seinen Entschluß ebenso wie sein Ausscheiden aus der Nationalmannschaft mit den damit verbundenen möglichen Folgen für das deutsche Abschneiden in der Weltmeisterschaft. Sie sei von dieser Entwickling keineswegs überrascht worden und werde sie weiterhin aufmerksam verfolgen.

In einer von der Opposition geforderten Sondersitzung des Bundestages verwahrte sich der Kanzler gegen den Vorwurf, seine Regierung betreibe den Ausverkauf deutscher Interessen und warnte die Opposition davor, die Beckenbauer-Krise parteipolitisch auszuschlachten. In diesem Zusammenhang lehnte er die Forderung der CSU ab, die innere Sicherheit im Strafraum durch eine Verschärfung der geltenden Fußballregeln zu erhöhen, und bezog sich dabei besonders auf das Verlangen, die Elf-Meter-Distanz bei Strafstößen auf drei Meter einzuschränken, des Feldes verwiesene Spieler lebenslänglich vom Fußball auszuschließen und die Gespräche von Verteidigern mit ihren Mittelfeldspielern zu überwachen. Der Opposition warf Schmidt vor, daß sie keine Alternative zur Fußballpolitik der Regierung habe.

Genscher, der zu einer Stippvisite in Bonn weilte, führte dazu aus, an der Beckenbauer-Affäre werde die Koalition nicht zerbrechen. Er meinte unter dem Beifall des ganzen Hauses, dies sei die Stunde aller Demokraten, und rief die Parteien des Bundestages zur Gemeinsamkeit auf.

Nachdem sich Kohl in auffallend verbindlicher Form zu Genschers Forderung bekannt hatte, griff er die SPD scharf an. Sie habe im Fall Beckenbauer ihre Handlungsunfähigkeit erneut unter Beweis gestellt; sie schieße nur noch-Eigentore und sei reif für den Abstieg in die Opposition. Wenn ein begnadeter Fußballer wie Beckenbauer seine Energien nicht mehr in den deutschen Fußball investiere, so bestätige das nur den Vertrauensschwund dieser Regierung, die den Leistungsgedanken im Fußball ständig mit Füßen getreten habe. Die SPD sei auch im Fußball ein Spielball ihres linken Flügels, dem schon allein jeder Ballbesitz verdächtig sei und der darum die Aufhebung aller Klassenunterschiede im Fußball anstrebe. Damit sei auch dem letzten Bürger in diesem Lande die Wahrheit des Wahlspruchs der Union: Libero oder Sozialismus drastisch vor Augen geführt worden.

Nach diesen Worten trat Kohl auf den Kanzler zu und zeigte ihm wegen seines Versagens in der Beckenbauer-Krise die rote Karte. Der Kanzler aber zog seine Pfeife aus der Hosentasche und trillerte Kohl damit so laut in die Ohren, daß dem Oppositionsführer Hören und Sehen verging.