HANS MAYER: Es wird unvermeidlich sein, und es ist auch gar nicht unerwünscht, daß wir über den Bayreuther "Ring der Nibelungen" des Jubiläumsjahres 1976 sprechen werden. Dennoch bin ich neugierig auf einige Antworten und Repliken von Ihnen zu Fragen, die weder direkt noch indirekt etwas mit Richard Wagner zu tun haben. Vor allem möchte ich gern wissen, welche Rolle der subjektive Faktor des Interpreten gegenüber dem objektiven Faktor der Partitur in Ihrer Gestaltung gespielt hat. Es handelt sich doch für Sie um die Interpretation einer extrem subjektiven, ausdrücklich romantischen Musik. Wo sind nun die Grenzen zu finden für eine objektive Interpretation einer solchen Partitur? Wird eine Identifikation des Interpreten mit der Ring-Partitur erlebt?

PIERRE BOULEZ: Das läßt sich schwer im einzelnen voneinander trennen, denn natürlich gibt es Teile des Werkes, wo man sich sehr identifiziert... oder sagen wir besser: wo ich mich identifiziere, denn es ist wohl richtig, wenn ich hier in der Ersten Person spreche. Wo ich mich also sehr leicht und sehr persönlich identifizieren kann. Und es gibt andere Teile des Werkes, mit denen ich mich sehr schwer zu identifizieren vermag, deren künstlerische Qualität ich natürlich nicht abstreite, aber das Verhalten vor solchen Abschnitten, mit denen ich innerlich sehr schwer zurechtkomme, stellt mich vor ein Problem. Es gibt zum Beispiel Abschnitte, die ich für sehr pompös halte. Es sind vor allem diese pompösen Elemente, diese – sagen wir einmal – etwas aufgeblähten und übertriebenen Passagen, die mich stören. Mich stört dabei nicht eine übertriebene Heftigkeit, wohl aber eine übertriebene Feierlichkeit, die ich an Wagner als am meisten veraltet empfinde. Und es gibt ganz sicher solche Aspekte, die ich persönlich als sehr veraltet empfinde. Eben dieser Pomp. Jedesmal, wenn Wagner vom Helden spricht, erlebt man sogleich, daß die Musik sehr konventionell wird, oder uns heute jedenfalls sehr konventionell vorkommt. Deshalb stören mich solche Abschnitte recht stark. Das Gegenteil finde ich besonders in der "Götterdämmerung". Alles, was zum Beispiel mit dem Motiv des Tarnhelms zu tun hat, alle jene Teile der Partitur, wo Wagner die Motive übereinanderpflanzt, so daß die Musik zur absoluten Kontinuität wird, wo die Musik praktisch nur noch Thema ist: all diese Partien ziehen mich ganz unmittelbar und sehr stark an und erwirken eine Identifikation.

H. M.: Lassen wir einen Augenblick Wagner beiseite, denn mich interessiert hier an dem, was Sie sagen, das Problem eines Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die romantische Musik ist doch sehr häufig eine Musik, wo der Komponist sich selbst ausspricht, seine eigene Persönlichkeit: in der Form einer Symphonie, einer Sonate, natürlich auch eines Streichquartetts. Damit ist die Haltung von Grund auf der wirklichen Objektivität einer klassischen Musik entgegengesetzt. Bei Beethoven gibt es, wie mir scheint, keine romantischen Stilelemente im formalen Sinne. Aber bei Beethoven ist, unabhängig von seiner eigenen Absicht, die Persönlichkeit Beethovens fast übermächtig. Beethoven möchte sich selbst aussprechen mit Hilfe der Musik. Auch bei Mozart gibt es natürlich eine tiefe Identifikation mit seinen Bühnengestalten, es gibt auch einen sehr persönlichen Gefühlsausdruck, einen Ausdruck des Leidens sogar, zum Beispiel in den letzten Klavierkonzerten. Aber das ist es doch nicht. Trotzdem behält für Mozart die musikalische Objektivität Vorrang. Bei Beethoven hingegen haben wir, was man im Deutschen als "Erlebniskunst" und "Erlebnismusik" bezeichnet. Wie verhalten Sie sich vor einer solchen Musik?

P. B.: Ich gehe bei einigen Werken sehr subjektiv vor, im Gegensatz zu dem, was man im allgemeinen von mir vermutet.

H. M.: Ja, wirklich?

P. B.: Man vermutet eine solche Objektivität bei mir, aber ab und zu neige ich dazu – und zwar immer bei Werken, die zeitlich ziemlich weit zurückliegen –, bestimmte Seiten eines Werkes herauszuarbeiten und dabei vermutlich andere zu vernachlässigen, die mich sehr viel weniger reizen. Was mich zum Beispiel an dieser Symphonie von Beethoven, der A-dur-Symphonie, interessiert, das ist ganz und gar nicht ihre klassische Struktur. Das sind nicht einmal, wenn Sie wollen, die Themen mitsamt ihrem persönlichen Ausdruck. Was mich hier vielmehr interessiert, das ist die rhythmische Struktur, und zwar als insistierender Rhythmus, der nur wirksam wird durch das Insistieren. Wenn Sie nämlich die Rhythmen als solche nehmen, so haben sie an sich nichts Ungewöhnliches. Aber plötzlich erreichen sie eine neue Dimension, eben weit sie insistieren, und damit erhalten sie für mich den Vorrang des Interesses: weit vor der Harmonie, auch weit vor der melodischen und thematischen Arbeit.

Im Gegensatz zu dem, was man mir bisweilen vorwirft, daß ich nämlich eine objektive Haltung als Interpret einnehme, habe ich vielleicht bisweilen eine allzu subjektive Einstellung besonders zu Werken, die zeitlich von uns entfernt sind.