An der abblätternden Fassade mit den gesprungenen Fenstern zeugte nur noch die verblichene Aufschrift "Kontor" von der einst würdevolleren Bestimmung des Miethauses in der Beethovenstraße. Bange Ahnungen beschließen. den Taxifahrer, als er hier an einem Samstagabend vier junge Fahrgäste ablieferte, die auch noch alle "ausländisch" sprachen. Einer – mit Bart und langen Haaren – ließ ein dickes Geldbündel aufblitzen und drückte dem verblüfften Chauffeur auch noch zehn Mark Trinkgeld in die Hand. Dessen Beklemmungen steigerten sich zur bösen Gewißheit, als er sah, wohin die jungen Leute verschwanden – in eine zum Atelier umfunktionierte Kellerwohnung.

Hinter den notdürftig verhangenen Fenstern lauerte das "Milieu" – wie geschaffen, um flüchtigen Terroristen. Unterschlupf im Kreise ihrer Gesinnungsgenossen zu bieten: Farbtöpfe, Matratzenlager und – hier stockte der Atem – leblos-blanke Torsos aus Polyester, denen der Künstler Papiersäcke über den Kopf gestülpt hatte.

Visionen der Lorenz-Entführung wirbelten hoch; der alarmierte Biedersinn schlug in aktiven Bürgersinn. um. Der Taxifahrer fuhr zum nächsten Polizeirevier und gab zu Protokoll, den gesuchten Stockholm-Terroristen Rolf Heissler, 29 Jahre alt, befördert zu haben.

In besagter Atelierwohnung schickte sich der Bildhauer, ein seit Jahren in Hamburg ansässiger Amerikaner, gerade an, seinen zehn Gästen aus Amerika, Holland und Frankreich ein Mahl aus "Kentucky-fried chicken" zu servieren. Die einen knabberten gerade am Huhn, die anderen labten sich an Marilyn Monroe, die über den Bildschirm flimmerte. Plötzlich wurde die bürgerliche Idylle jäh gestört: Die Tür flog auf, herein marschiert kamen acht Männer mit vorgehaltenen Maschinenpistolen. Die geschockten Esser glaubten zuerst an einen schlechten Scherz oder an die Invasion von Terroristen. Es war aber nur das Mobile Einsatzkommando (MEK), das im "Räuberzivil" gekommen war, um "Heissler" dingfest zu machen.

"Heissler" war ein junger amerikanischer Student, der das Pech hatte, Bart und langes Haar zu tragen – wie der Gesuchte auf dem Fahndungsphoto, aber auch wie Tausende von Studenten diesseits und jenseits des Atlantiks. Sein Führerschein, ausgestellt in Florida (mit Bild), reichte zur Identifikation nicht aus, ebensowenig wie sein amerikanischer Paß, den die MEK-Leute aus seiner Wohnung an der Rothenbaumchaussee holten. Erst die Fingerabdruck-Parade im Polizeipräsidium am Berliner Tor ließen den Fahndungseifer des Staatsschutzes erkalten. Dann wurde der junge James mit den Komplimenten der Hamburger Polizei zur Party zurückexpediert.

Das amerikanische Generalkonsulat hat beim Polizeipräsidium um Aufklärung gebeten. Gewiß, die Atmosphäre war erhitzt durch den Mord an Buback und zwei Banküberfälle (in Düsseldorf und Frankfurt), die vermutlich von Terroristen begangen worden sind. Warum aber der massive Aufmarsch ohne Durchsuchungsbefehl, obwohl zwischen Anzeige und Anfahrt fast drei Stunden vergangen waren? Und weiter: Kann eigentlich jeder Taxifahrer den Hamburger Staatsschutz mobilisieren, nur weil er glaubt, einen Terroristen chauffiert zu haben – und das im Dunkeln?

Die Staatsschützer: Es war "Gefahr im Verzug", und ein Durchsuchungsbefehl dauert – es war ja schließlich ein Wochenende – rund fünf Stunden. Warum dann die Verzögerung? Die war notwendig, um die Verläßlichkeit der Aussage zu überprüfen. Nein, man habe dem Taxifahrer nicht irgendwelche Namen suggeriert; er selbst habe von sich aus "Heissler" genannt. Zwei MEK-Spezialisten hätten den Taxifahrer erst sorgfältig verhört, ihm Bilder gezeigt und schließlich nachgeforscht, ob sie etwa einem notorischen Falschanzeiger auf den Leim gegangen waren. Erst dann sei der Einsatzbefehl gegeben worden. "Und die Verhältnismäßigkeit der Mittel?" – "Man muß geballt auftreten, um jeglichen Widerstand von vornherein abzuschrecken." – "Aber das Geränge in der engen Kellerwohnung? Hätte sich nicht ein Schuß aus Versehen lösen können?" – Die beruhigende Replik: "In diesem Fall waren unsere MPs nicht durchgeladen."

Josef Joffe