Eine Woche nachdem Präsident Carter der Nation vom Bildschirm herab das Ausmaß der nahenden Energiekrise ausgemalt und ihr sein – im wesentlichen auf Energiesparen abzielendes – Krisenprogramm erläutert hatte, will es fast so scheinen, als brauchte er sich um seine Wiederwahl keine Sorge zu machen. Meinungsumfragen zufolge hat ihn die Verkündung des unbequemen Programms nicht etwa Popularität gekostet, sondern diese sogar noch erhöht. Da die Opferbereitschaft aber bekanntlich meist dann aufhört, wenn der eigene Gürtel enger geschnallt werden muß, ist noch keineswegs sicher, daß die Amerikaner tatsächlich Energie sparen werden.

Der Kongreß, in dem sich die Stimmung jeweils in die Richtung zu drehen pflegt, in die der Wind in den jeweiligen Wahlkreisen weht, prüft gegenwärtig, ob Carter weiterhin die Windrichtung bestimmen kann. Zur Zeit herrscht der Eindruck vor, daß der ehemalige Erdnußgroßhändler aus Georgia weit mehr Puste hat als erwartet.

Ungläubige Überraschung spricht auch aus den Kommentaren der von Carters Energieprogramm direkt betroffenen Interessengruppen. Manche Stellungnahmen hören sich an wie Ergebenheitsadressen. Ihren kritischen Kern erkennt man erst bei genauerem Hinsehen.

Als bester Verbündeter der Autoindustrie im Kampf gegen die von Carter vorgesehene Strafsteuer auf Benzinvielfraße und gegen die Benzinsteuer dürften sich wieder einmal die Gewerkschaften erweisen. Schon in der Vergangenheit haben sie ähnliche Versuche mit dem Hinweis auf die vermeintliche Gefährdung von Arbeitsplätzen abzublocken verstanden.

Warum Detroit die Strafsteuer auf die benzinhungrigen Straßenkreuzer für "verhängnisvoll" ansieht, ist nicht so recht einzusehen. Die meisten Modelle der neuen Autogeneration haben die Entwicklungsingenieure durch Gewichts- und Größenverringerung schon auf so niedrigen Benzinverbrauch getrimmt, daß sie steuerfrei davonkommen würden.

Einen Kampf auf Biegen und Brechen wird es wohl um die Benzinsteuer geben. Hier hat die Autoindustrie den bestmöglichen Verbündeten: die öffentliche Meinung. Da die Amerikaner bei ihren Fahrten zum Arbeitsplatz und auf ihren Urlaubsreisen riesige Entfernungen zurücklegen, bedeutet auch eine verhältnismäßig geringe Erhöhung des Benzinpreises schmerzliche Mehrkosten. Nur wenn die Amerikaner die bittere Medizin der Benzinsteuer schlucken, besteht aber überhaupt Aussicht, daß sie langsam die gewohnte Energiedosis herunterschrauben. Falls Carter den Kampf um die Benzinsteuer verliert, wird man sein Programm als gescheitert ansehen müssen.

Der Ölindustrie scheint die ganze Richtung nicht zu passen. Ihrer Meinung nach, reicht Energiesparen und Umstellung auf Kohle allein nicht aus. Es fehle an Anreizen zur Mehrproduktion von Öl in den USA. Damit umschreibt die Ölindustrie die tiefe Enttäuschung darüber, daß Carter nicht beabsichtigt, die Preise für das in den USA geförderte Erdöl und Erdgas vollständig freizugeben, was bedeutet hätte, daß auch die amerikanischen Ölbohrer mit jeder Preiserhöhung der Opec reicher würden.

Die Ölindustrie drängt darauf, die Erlaubnis zu erhalten, vor der Atlantikküste Amerikas mit den Bohrungen beginnen zu können. Die Proteste der Umweltschützer konnte sie bislang als Panikmache abtun. – Die jüngste Katastrophe in der Nordsee belegen freilich, wie teuer das im Meer geförderte Öl werden kann.