Die spektakulärste Entführung dieses Jahrhunderts fand nicht statt, weil eine Maschinenpistole im entscheidenden Moment Ladehemmung hatte. Am 27. Mai 1942 sollte der – "Stellvertretende Reichsprotektor" in Böhmen und Mähren, der deutsche Sicherheitschef Reinhard Heydrich, während seiner täglichen Fahrt zum Hradschin von einem Kommando tschechischer Widerstandskämpfer überfallen, angeschossen und zu einer Waldwiese außerhalb Prags verschleppt werden, von wo aus ihn ein britisches Flugzeug nach England bringen sollte. Da Feldwebel Josef Gabcik versagte, mußte sein Kamerad Jan Kubiš eine Handgranate werfen – Heydrich wurde schwer verwundet und starb wenige Tage darauf in einem Krankenhaus.

Kein Story-Schreiber hätte die Geschichte dieses Attentats so aufregend und verwirrend erfinden können, wie sie der nach Köln emigrierte tschechische Journalist Rudolf Ströbinger der Wirklichkeit nacherzählt. Er hat die Archive in Prag, London und in der Bundesrepublik nach Unterlagen durchsucht und viele Beteiligte befragt. Aber da nicht alle Geheimdienste ihre Archive geöffnet haben, bleiben viele Fragen offen. Hat wirklich Exilpräsident Beneš, mit Wissen Churchills, das Attentat befohlen? Wollten auch die Sowjets den gefürchteten SS-Geheimdienstchef beseitigen lassen? Haben womöglich ein paar SS-Ärzte beim Tod des Mannes nachgeholfen, der mit Himmler und Bormann rivalisierte und ehrgeizig genug war, die Nachfolge Hitlers anzustreben?

Ströbinger widersteht nicht immer der Versuchung, Spekulationen nachzugehen, aber im Krieg der Agenten ist selbst das Unmögliche noch denkbar. Weitere Überraschungen sind möglich: Wo zum Beispiel steckt der 8-Millimeter-Film, den ein Mitbeteiligter vom Ablauf des Attentats gedreht hat? Ströbingers Buch ist nicht nur eine spannende Lektüre, sondern auch ein Hohelied auf die tschechische Widerstandsbewegung, die bereits vor dem Auftreten Heydrichs einen hohen Blutzoll entrichtet hatte. (Rudolf Ströbinger: "Das Attentat von Prag"; Verlag Politisches Archiv, Landshut 1976; 270 S., 26,–DM) kj.