Neun Stunden dauerte der parteiinterne Schlagabtausch, ehe sich der Zwang zur Einigkeit mit hauchdünner Mehrheit durchsetzte: Münchens von internen Querelen gebeutelte SPD folgte bei ihrem kommunalpolitischen Parteitag am späten Samstagabend schließlich doch der Ansicht ihrer „linken Mitte“ und entschärfte den Programmentwurf für die Kommunalwahl an einer entscheidenden Stelle. –

Statt des totalen Verzichts– so die Parteilinken – auf die Überprüfung von Bewerbern für den städtischen Dienst sollen auch in München weiter „Verfassungsfeinde“ vor dem Eintritt in städtische Posten geortet werden – zumindest in den„heißen Bereichen Katastrophenschutz und Energieversorgung. Wenn dies auch angesichts der geltenden Gesetze vordergründig ein Problem zweiten Ranges sein mag, für Münchens SPD-Chef Max. von Heckel bedeutete das Votum eine Nagelprobe, Denn zum erstenmal seit langer Zeit brachte die Abstimmung eine Abfuhr an den linken Juso-Flügel der Partei, der sich bis zuletzt gegen den Kompromiß der „linken Vorstandsmitte“ gesträubt hatte.

Ein Neuanfang also für Münchens Sozialdemokraten? Es war wohl eher die Reaktion auf den Schock, der die Genossen wenige Tage zuvor getroffen hatte, als weitere vier Stadträte der SPD den Rücken kehrten und mit der Gründung eines „sozialen Rathausblocks“ (SRB) die seit 17 Jahren von der SPD gehaltene absolute Mehrheit im Stadtparlament auslöschten. Obwohl dieser Schritt Heckel, der die Mentalität seiner Genossen vom rechten Parteiflügel genau kennt, nicht sonderlich überraschte, traf ihn die Begründung tief. Da war nicht nur die übliche Rede von fehlender Bereitschaft „radikälsozialistischer Kräfte“, Mehrheitsentscheidungen mitzutragen, da wurde. Heckel auch „einzigartiger Fehleinschätzungen der Steuereinnahmen“ geziehen, obwohl er den Milliardenhaushalt der Stadt eben erst mit einem kräftigen Überschuß abschloß.

Urplötzlich ist das Rathaus am Marienplatz keine „rote Hochburg“ mehr. Sechs Genossen, vor fünf Jahren vom Wähler ausdrücklich Sozialdemokraten in den Stadtrat entsandt, legten selbst Hand an und schleiften die Hochburg.

Mit ihrem Austritt aus der SPD schrumpfte die sozialdemokratische Mehrheit im 80-Köpfe-Stadtrat von 43 auf 37 Mandate – ein Zustand, der München zwar nicht untergehen läßt und den direkt vom Volk gewählten Oberbürgermister Geog Kronawitter auch nicht stürzt, der aber dennoch wieder die Frage nach politischer Moral stellt.

Während; die ohnehin fast nur vom Genossenstreit profitierende CSU den Machtzerfall der Sozialdemokraten frohgemut-zur Kenntnis nahm, fühlte sich Heckels Sprecher Christian Ude fatal an die Versuche erinnert, mit denen 1972 im Bundestag die sozial-liberale Mehrheit durch Übertritte zur Union abbröckelte. Das Verhalten der Stadträte, rügte Ude, „kann daher nur als Vertrauensbruch und als Verfälschung des Wählerwillens gesehen werden“.

Für München, wo die SPD seit einem knappen Jahrzehnt das blamable Schauspiel politischer Selbstzerfleischung mit dem Verlust von Mandatenund Mehrheiten auf allen Ebenen bezahlt, hinkt Udes Vergleich. Denn in der bayerischen Landeshauptstadt wird die linke SPD-Mehrheit der Parteitage ganz eindeutig von der Basis getragen, was manche Rechte zwar zu größerer Aktivität anspornt, andere aber in Resignation und – angesichts schwindender Chancen, jemals wieder für politische Mandate nominiert zu werden – zu Reaktionen treibt, die das selbst oft strapazierte Ideal von Genossensolidarität ins Gegenteil verkehren. Wobei freilich angesichts von je einer für die SPD total verlorenen Landtags- und Bundestagswahl unbestritten ist, daß das Herz des Münchener SPD-Wählers rechts für die „Godesberger“ schlägt. Ein fataler Zwiespalt also, in dem Münchens SPD bei der Kommunalwahl am 5. März 1978 zu ersticken droht.