• Entgegen früheren Erwartungen ist Kapital heute so billig wie lange nicht mehr zu bekommen.

Lambsdorff: In der letzten Zeit ist das innerdeutsche Zinsniveau nach einer längeren Pause wieder beschleunigt gesunken. Innerhalb von sieben Monaten fiel die Emissionsrendite – also der Preis für neues Investitionskapital – um nicht weniger als 12,5 Punkte auf inzwischen nur noch rund 6,4 Prozent pro Jahr. Nachdem uns die extreme Hochzinspolitik vor einigen Jahren in größerem Umfang fünf Jahre und noch kürzer laufende Pfandbriefe und Kommunalobligationen beschert hatte, haben wir seit Ende November 1976 wieder Laufzeiten Bis zu zehn Jahren. Das ist eine ganz bemerkenswerte Rekonvaleszenz des Kapitalmarktes. Sie straft endgültig die pessimistischen Propheten Lügen, die meinten, daß ein neuer Konjunkturaufschwung nur zu zweistelligen Zins- und Inflationsraten vonstatten gehen könnte. Nichts spricht für eine solche Aussicht.

  • Dennoch ist die Kreditnachfrage der Wirtschaft ziemlich gering.

Lambsdorff: Der (zu oft) angekündigte Aufschwung kommt nicht recht in Gang. Obgleich das Zinsniveau in den letzten Wochen schon unter dem Jahresdurchschnitt von 1968 liegt, zögern diesmal die privaten Unternehmer mit Investitionen. Die Verschuldung der Wirtschaft und des Staates bei den Banken fällt sogar tendenziell. Gleichzeitig nimmt die Geldkapitalbildung nach wie vor mit einer hohen Jahresrate von zehn Prozent zu. Wenn sich die Beschäftigungs- und Wirtschaftslage nicht noch weiter verschlechtern soll, dann brauchen wir dringend inländische Investitionen. Sie sind auch deswegen dringlich, damit wir den technologischen Anschluß an den Weltmarkt nicht verlieren, wie dies auf wichtigen Gebieten in Großbritannien geschehen ist.

  • Aber wie kann man die "Pferde zum Saufen" beziehungsweise die Unternehmer zum Investieren bringen? Lambsdorff: Ein niedriger Zins ist hierfür zwar eine notwendige, aber – wie wir erfahren müssen – keine hinreichende Voraussetzung. Gegenwärtig dürfte auch ein noch niedrigerer Kapitalmarktzins wenig ausrichten. Das Vertrauen der Investoren in eine ausgeglichene Wirtschaftsentwicklung der nächsten Jahre muß geweckt werden.
  • Bisher ist dies nicht gelungen. Lambsdorff: Bei realistischer Einschätzung der Rahmendaten dürfte ein Ende der Nominalzinssenkung noch nicht erreicht sein. Es stellt sich also die Frage, ob jetzt nicht eine behutsame Verlängerung der Laufzeiten bei Neuemissionen über zehn Jahre hinaus in Betracht gezogen werden sollte. Möglicherweise wird unter den gegebenen Umständen das Vertrauen der Investoren in die Zukunft durch langfristige Finanzierungsmöglichkeiten eher und solider unterstützt als durch weitere Zinssenkungen. Eine Konsolidierungsphase würde zudem auch dem Kapitalmarkt gut tun. Wenngleich man bei den Laufzeiten die Erwartung nicht zu hoch schrauben darf, scheint für ein Überspringen der Zehn-Jahresschwelle jetzt eine vernünftige Chance zu bestehen. mj