Von Esther Knorr-Anders

Um 21.00 Uhr betrete ich das Klinikgelände. Der Pförtner zeigt mir den Weg zur Aufnahmestation. Auf dem Gang sitzt in einem fahrbaren Stuhl eine Greisin. Auf einer Trage (nicht Bahre, auf die Tote gebettet werden), liegt ein älterer Mann: ein Patient, der soeben eingeliefert wurde. Aus einem Zimmer kommen der Arzt, der Assistent und der Krankenpfleger.

Die Patientin wird in das Untersuchungszimmer gefahren, auf die Liege gehoben und entkleidet. Der Pfleger bereitet das EKG vor. Er streicht Elektrolydpaste auf bestimmte Körperstellen. Die Paste dient der Leitfähigkeit zwischen Haut und Elektroden. Die Patientin weint. Zwischendurch stöhnt sie. Entkleidet wirkt sie wie ein Kind. Ihre Kenntnis medizinischer Fachausdrücke fällt auf. Sie erzählt, daß sie einen Hinterwandinfarkt hatte und an Divertikulitis leidet. Ich lasse mir erklären, daß es sich um "Ausbuchtungen der Därme" handelt. Sie möchte nur bestimmte Medikamente verordnet bekommen, und zu Hause sei sie allein in ihrem Zimmer, und sie fröre und möchte angezogen werden. Sie tippt auf ihr Herz. "Da tut es weh", murmelt sie. "Da."

Nach der Untersuchung veranlaßt der Arzt die Einweisung. Die Patientin atmet auf. Der Pfleger kleidet sie für die Nacht ein. Hilft ihr von der Liege auf die Trage. Er legt ihre Wäsche zusammen. Dann fährt er sie hinaus und übergibt sie der für sie zuständigen Stationsschwester.

Im Arztzimmer schrillt das Telephon. Der Assistent wird auf der Intensivstation benötigt. "Tagsüber arbeiten wir auf der Intensivstation mit Ersatzdienstleistenden. Während des Nachtdienstes ist dies nicht möglich, weil nachts ausschließlich examiniertes Pflegepersonal zugelassen ist", erkläutert mir der Arzt. Ich erfahre, daß die Klinik mit Ersatzdienstleistenden ausgezeichnete Erfahrungen gemacht habe. Die Intelligenz unter ihnen sei absolut zuverlässig. Als Pflegehilfskräfte, zum Beispiel auf der Intensivstation, arbeiten sie in Schichten von 6.00 bis 1.00 Uhr und von 1.00 Uhr bis 20.00 Uhr. Nach gründlicher Anlernzeit betreuen sie ihren Patienten persönlich. Dazu gehört das Absaugen der Beatmungspatienten. Das heißt, über eine Saugpumpe wird mittels eines Katheters das Bronchialsekret aus der Luftröhre abgesaugt. Ferner müssen Einläufe gemacht werden. Die Lagerung des Patienten ist ständig zu überwachen.

Der Pfleger steht in der Tür. Er teilt mit, daß der Patient untersuchungsbereit sei. Der Patient ist jener Mann, der vorhin auf der Trage lag und die Wand anlächelte. Einmal trafen sich unsere Blicke. Er sah, falls er überhaupt wahrnehmen wollte, ganz etwas anderes. "Hauchen Sie mich mal an", hatte der Arzt ihn gebeten. Der Patient tat es mit Zartgefühl. "Danke."

Der Arzt begibt sich zu dem Patienten. Ich bin aufgefordert worden, ihm zu folgen. Trotzdem gehe ich gehe langsamer. Ein Geräusch nimmt meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es ist fast ein Rauschen, wie im Takt. Dann stehe ich im Zimmer. Hinter mir, schließt jemand die Tür. Noch einen Schritt... Ich sehe ihn liegen. Er richtet sich auf. Seine Füße, die Waden, Hodensack und Leib sind zu einem unförmigen Geklump aufgeschwollen. Das Elend und die Häßlichkeit setzen mich außer Kraft. Ich bekomme keine Luft. Ich werde gewürgt. Dieses Haus besitzt eine Intensivstation. Hinter mir fühle ich die Wand. Sie ist fest. Natürlich. Irgend etwas rauscht sehr stark.