Von Rainer Werner Fassbinder

Im Aufarbeiten der Probleme unterprivilegierter Randgruppen stießen die Künstler eines Tages auf "den alten Menschen": Wie sich herausgestellt hat, zum Glück und Vorteil der Macher selbst. Es enthebt sie der gefährlichen Beschäftigung mit Homosexuellen, Juden, Kommunisten (echten), Arbeitern, Frauen/Kindern, vielem anderen, das ernst zu nehmen wenig Freude macht im deutschen Kulturbetrieb, der es immer entschiedener geschafft hat, Angst zu machen, der eine Situation geschaffen hat, die Ängste so subtil erhärtet, daß fast jeder kreativ Tätige sich in eine Art innerer Emigration bei gleichzeitiger innerer Zensur geflüchtet hat. Viele sind jetzt bereits so weit, daß sie die Ergebnisse dieser mit sensibler Brutalität gesteuerten Selbstzensur tatsächlich für das eigentlich Gewollte halten. Aber das ist ein weites Feld. Und manchen bleiben die Probleme der Alten, mangelnder Mut ist denen also nicht vorzuwerfen, zeigen sie doch eine Gesellschaft, die ihre alten Menschen benachteiligt, und so einer Gesellschaft hat man’s doch gezeigt, wenn man der das gezeigt hat, nicht wahr?

Nicht wahr! Seit es "Jane bleibt Jane" von Walter Bockmayer gibt, kann man verstehen, warum der Kulturbetrieb so freundlich auf all die Theaterstücke, Fernsehspiele und Filme über alte Menschen reagiert hat. All diese Werke, bei sicherlich unterschiedlicher Qualität, bestätigen das System, das sie zu kritisieren vorgeben; eine Art von systemimmanenter Kritik ist entwickelt worden von deutschen Künstlern, die traurig macht und Angst. Das Ende wird eine tote deutsche Kunst sein, die nichts mehr als sich selbst zu bemerken in der Lage sein wird. Die wenigen, die wach zu bleiben versuchen, müssen damit rechnen, daß ihnen über kurz oder lang voll in die Fresse geschlagen wird. Die da schlagen werden, rechnen, wohl zu Recht, damit, daß die Geschlagenen, geschlagen, mit goldenen Zähnen Lieder singen werden, die von Liebe singen. Für den allerletzten Rest, diesen oder jenen, der sich selbst zu belügen verweigert, hat unsere Gesellschaft das eine oder andere Mittelchen parat, Drogen zum Beispiel oder das Ausland, und dann kann man sich ja auch noch selbst umbringen. Es wird Ruhe herrschen im Land.

In diese Situation hinein hat Walter Bockmayer mit "Jane bleibt Jane" einen revolutionären Film gemacht. Was daran Naivität sein mag, spielt keine Rolle, das "Revolutionäre" mit dem intellektuellen Unterbau ist in der Kunst eben meist nicht mehr revolutionär, sondern wegen seiner Institutionsgläubigkeit eher konterrevolutionär. Wie könnte sonst beispielsweise das Theater, das sich einerseits am entschiedensten und perfektesten an Marxschen Gedanken orientiert, andererseits die Bedürfnisse und Normen des bürgerlichen Theaters am "glücklichsten" erfüllen?

Bodemeyer dagegen hat sich nicht abgesichert, womöglich kannte er nicht einmal Statistiken über Altersheime oder die soziologische Struktur der Zusammensetzung ihrer Insassen, als er seinen Film über das Alter machte, das heißt, eigentlich ist "Jane bleibt Jane" im Grunde gar kein Film über das Alter, sondern ein Film mit der Angst eines mit einer großen spezifischen Sensibilität begabten Künstlers vor dem Alter. Als Ergebnis setzt dieser Film kein wohlfeiles Mitleid frei, keine kurzen Gedanken wie "da müsse man doch eigentlich", kein folgenloses Augenzwinkern wird provoziert zwischen den achtzig Prozent Kinogängern, die zwischen zwanzig und dreißig sind (das ist statistisch, ich weiß), und den listigen alten Helden, keine Lebenshilfe wird vorgetäuscht, keine armen, liebenswerten Alten werden ausgebeutet mit offenem, ehrlichem Dackelblick nach öffentlichen Geldern – "Jane bleibt Jane" macht die Angst derer, die ihn machten, vor dem Alter erfahrbar, spürbar, endgültig.

Aber keine Wehmut öffnet das Herz so weit, bis das Hirn keine Luft mehr bekommt und erstickt. Keine von den beliebten beliebigen Traurigkeiten macht die berühmten Tränen, derer man sich nicht zu schämen braucht, kein Ausweichen vor der Wut darüber wird gestattet, daß wir in einer Gesellschaft leben, die uns Angst haben läßt vor dem Altwerden. Gezwungen wird man, die Dinge weiter zu denken. Gezwungen wird man zu denken, kann wirklich Angst vor dem Altsein sein in uns ohne Angst vor dem Sein heute und morgen? Bis hin zu der Frage befreit der Film, warum ist soviel Angst in uns, und wem nützt sie, und muß das so sein, und sollten wir nicht vielleicht doch noch einmal nachdenken darüber, was wir wie und wie schnell und mit welchen Mitteln zu verändern haben?

"Jane bleibt Jane" ist in vieler Hinsicht ein beispielhafter Film. Hergestellt mit den Mitteln der wunderbaren Abteilung "Kamerafilm" beim Zweiten Deutschen Fernsehen, wo Filmemacher gerade so viel Geld zum Arbeiten erhalten, daß sie sich in der moralischen Verpflichtung befinden, etwas Spielfilmartiges abzuliefern, was sie meist zuletzt auf einem Schuldenberg erwachen läßt, der sie (und ich wage es noch mal zu schreiben) ängstlich und damit manipulierbar und ungefährlich macht. Bockmayer hat es geschafft, weniger Schulden zu machen als manch anderen Und er hat, wiederum ganz anders als die meisten, nicht versucht, die Armut seiner Produktionsbedingungen zu verheimlichen. Immer wieder gibt der Film den Blick frei auf den finanziellen Hohn des Senders, der sich am Ende auch noch rühmen darf, überhaupt etwas möglich gemacht zu haben, so ist das. Und Bockmayer verheimlicht auch nicht seine eigenen Grenzen, gibt da, wo er noch lernen muß, zu, daß er noch lernen muß.

So entsteht durch eingestandene Armut, durch nicht wie üblich geschickt überspielte (vorläufige) inszenatorische Grenzen des Regisseurs ein Reichtum, der im deutschen Kino selten ist. Ein Reichtum, der helfen kann, Gelittenes als Leid zu formulieren und die Köpfe frei zu machen.