Von Nina Grunenberg

Die Bundeswehr hat 209 Generale und Admirale, aber einen einheitlichen Generals- oder Admiralstyp hat sie nicht. Die Herren in Gold sind alle verschieden. Es gibt Troupiers und Stabsarbeiter, Techniker und gehobene Lagerverwalter mit Computer. Es gibt Führernaturen mit Charisma, die ihre Soldaten mitzureißen verstehen, und es gibt den Militärdiplomaten, der in Brüssel bei der Nato Dienst tut – "an der Cocktailfront", wie es in der Truppe bissig heißt. Es gibt ängstlich-brave Funktionärstypen, die immer an der Wand entlang Karriere gemacht haben; in der Generalität sind aber auch ein paar Knallbonbons versteckt, die als Beweis dafür herhalten, "was die Bundeswehr alles ertragen kann". Und schließlich gibt es auch einige wenige Intellektuelle.

Die Männer mit den goldenen Sternen oder Streifen entstammen allen Schichten; die Herkunft aus Offiziersfamilien und dem Adel – zu Kaisers Zeiten und noch in der Weimarer Republik die Regel – ist zur Ausnahme geworden. Von den 21 Generalen und Admiralen, die ich auf meiner Reise durch die Bundeswehr kennenlernte, hatten nur vier einen Offizier zum Vater, einer war von Adel. Zwei waren Pastorensöhne ("in den preußischen Pfarrhäusern war die Einheit von Staat und Kirche eben sehr ausgeprägt"), drei kamen aus bäuerlichen Familien, einer hatte einen Schriftsteller zum Vater, einer einen Polizisten, der Rest kam aus Beamten- und Handwerkerfamilien.

Auch typische Merkmale fehlten ihnen. Niemand trug ein Monokel, keiner hielt dümmliche Champagner-Reden im Offizierkasino (korrekt heißt es heute Offizierheim), und zackig äh-ähgeschnarrt. wurde nirgends. Die meisten widmeten sich mir mit abwartender Vorsicht, bis sie das "Ziel erkannt" hatten. Das dauerte in der Regel keine halbe Stunde. Generale sind Menschenkenner. Nach dem Schema "Lage – Beurteilung – Entschluß – Ich fasse zusammen" entschieden sich die meisten dafür, mich in die Mangel zu nehmen und schlau zu machen. In den Worten von Generalmajor Hans Ewert, Kommandeur der 11. Panzergrenadierdivision in Oldenburg: "Sie hat keine Ahnung. Wir müssen ihr etwas beibringen." Als es in einer Stabsbesprechung "geheim" zu werden drohte, wandte sich der Kommandierende General des II. Korps in Ulm, Generalleutnant Carl-Gero von Ilsemann, an seinen Stab und beschied: "Das versteht sie sowieso nicht." Er hatte recht.

Der Vorsatz, mich zu bilden, mag zuweilen auch mit Hintergedanken gefaßt worden sein. Sechs Stunden lang marschierte ein Divisionskommandeur mit mir im Kampfanzug und leichten Bergschuhen über den Truppenübungsplatz Grafenwöhr, um seine Soldaten beim Gefechtsschießen mit scharfem Schuß zu inspizieren und mich vom Fragen zurückzuhalten. Zufrieden stellte er fest: "Dazu haben Sie jetzt gar keine Zeit. Und später sind sie viel zu müde."

Falls die Generale und Admirale irritiert waren, weil es eine Frau war, die ihre Männerwirtschaft besuchte, ließen sie sich nichts anmerken. Und wenn ich abends mit ihnen im Offiziersheim saß oder bei ihnen zu Hause, im 08/15-Eigenheim, am Abendbrottisch, der General/Admiral im Rollkragenpullover, die Gattin zur Seite, den Drahthaardackel zu Füßen, hätte ich es nicht erraten, wenn ich es nicht gewußt hätte: Das waren weder Schreck- noch Lichtfiguren, sondern nur Bürger, die ihre Uniform nach Dienstschluß zum Lüften hängen. "Für was würden Sie mich denn halten?" fragte Konteradmiral Ansgar Bethge, der Stellvertreter des Marineinspekteurs, erwartungsvoll, und war es zufrieden, als ich antwortete: "Vielleicht für einen Industriemanager oder für einen Banker oder für einen hohen Ministerialbeamten."

Wenn es unter den Männern mit den goldenen Sternen heute noch besondere Typen gibt, dann sind sie geprägt von den Streitkräften, in denen sie dienen – und auch von den einzelnen Waffengattungen. Mit der lockeren Weitläufigkeit, dem politischen Know-how und der gewissen Eleganz, die einen Admiral nach wie vor umwittern, kann der durchschnittliche Heeresgeneral nur konkurrieren, wenn er längere "Verwendungen" im Ausland hatte.