Von Nina Grunenberg

Die Bundeswehr hat 209 Generale und Admirale, aber einen einheitlichen Generals- oder Admiralstyp hat sie nicht. Die Herren in Gold sind alle verschieden. Es gibt Troupiers und Stabsarbeiter, Techniker und gehobene Lagerverwalter mit Computer. Es gibt Führernaturen mit Charisma, die ihre Soldaten mitzureißen verstehen, und es gibt den Militärdiplomaten, der in Brüssel bei der Nato Dienst tut – „an der Cocktailfront“, wie es in der Truppe bissig heißt. Es gibt ängstlich-brave Funktionärstypen, die immer an der Wand entlang Karriere gemacht haben; in der Generalität sind aber auch ein paar Knallbonbons versteckt, die als Beweis dafür herhalten, „was die Bundeswehr alles ertragen kann“. Und schließlich gibt es auch einige wenige Intellektuelle.

Die Männer mit den goldenen Sternen oder Streifen entstammen allen Schichten; die Herkunft aus Offiziersfamilien und dem Adel – zu Kaisers Zeiten und noch in der Weimarer Republik die Regel – ist zur Ausnahme geworden. Von den 21 Generalen und Admiralen, die ich auf meiner Reise durch die Bundeswehr kennenlernte, hatten nur vier einen Offizier zum Vater, einer war von Adel. Zwei waren Pastorensöhne („in den preußischen Pfarrhäusern war die Einheit von Staat und Kirche eben sehr ausgeprägt“), drei kamen aus bäuerlichen Familien, einer hatte einen Schriftsteller zum Vater, einer einen Polizisten, der Rest kam aus Beamten- und Handwerkerfamilien.

Auch typische Merkmale fehlten ihnen. Niemand trug ein Monokel, keiner hielt dümmliche Champagner-Reden im Offizierkasino (korrekt heißt es heute Offizierheim), und zackig äh-ähgeschnarrt. wurde nirgends. Die meisten widmeten sich mir mit abwartender Vorsicht, bis sie das „Ziel erkannt“ hatten. Das dauerte in der Regel keine halbe Stunde. Generale sind Menschenkenner. Nach dem Schema „Lage – Beurteilung – Entschluß – Ich fasse zusammen“ entschieden sich die meisten dafür, mich in die Mangel zu nehmen und schlau zu machen. In den Worten von Generalmajor Hans Ewert, Kommandeur der 11. Panzergrenadierdivision in Oldenburg: „Sie hat keine Ahnung. Wir müssen ihr etwas beibringen.“ Als es in einer Stabsbesprechung „geheim“ zu werden drohte, wandte sich der Kommandierende General des II. Korps in Ulm, Generalleutnant Carl-Gero von Ilsemann, an seinen Stab und beschied: „Das versteht sie sowieso nicht.“ Er hatte recht.

Der Vorsatz, mich zu bilden, mag zuweilen auch mit Hintergedanken gefaßt worden sein. Sechs Stunden lang marschierte ein Divisionskommandeur mit mir im Kampfanzug und leichten Bergschuhen über den Truppenübungsplatz Grafenwöhr, um seine Soldaten beim Gefechtsschießen mit scharfem Schuß zu inspizieren und mich vom Fragen zurückzuhalten. Zufrieden stellte er fest: „Dazu haben Sie jetzt gar keine Zeit. Und später sind sie viel zu müde.“

Falls die Generale und Admirale irritiert waren, weil es eine Frau war, die ihre Männerwirtschaft besuchte, ließen sie sich nichts anmerken. Und wenn ich abends mit ihnen im Offiziersheim saß oder bei ihnen zu Hause, im 08/15-Eigenheim, am Abendbrottisch, der General/Admiral im Rollkragenpullover, die Gattin zur Seite, den Drahthaardackel zu Füßen, hätte ich es nicht erraten, wenn ich es nicht gewußt hätte: Das waren weder Schreck- noch Lichtfiguren, sondern nur Bürger, die ihre Uniform nach Dienstschluß zum Lüften hängen. „Für was würden Sie mich denn halten?“ fragte Konteradmiral Ansgar Bethge, der Stellvertreter des Marineinspekteurs, erwartungsvoll, und war es zufrieden, als ich antwortete: „Vielleicht für einen Industriemanager oder für einen Banker oder für einen hohen Ministerialbeamten.“

Wenn es unter den Männern mit den goldenen Sternen heute noch besondere Typen gibt, dann sind sie geprägt von den Streitkräften, in denen sie dienen – und auch von den einzelnen Waffengattungen. Mit der lockeren Weitläufigkeit, dem politischen Know-how und der gewissen Eleganz, die einen Admiral nach wie vor umwittern, kann der durchschnittliche Heeresgeneral nur konkurrieren, wenn er längere „Verwendungen“ im Ausland hatte.

„Klein, aber fein“ ist der Wahlspruch der Marine: Von den 495 000 Bundeswehrangehörigen stellt die Marine nur 37 000 Mann, knapp acht Prozent. Ihr Anteil an der Materialbeschaffung beträgt allerdings 19 Prozent. Sie war viel früher eine technisch ausgerichtete, modern organisierte Streitmacht als das Heer, das noch bis 1945 zur Hälfte aus Soldaten bestand, die mit dem Gewehr in der Hand durch Europa marschierten. Sowohl der Bundeskanzler wie der Bundespräsident haben derzeit einen Kapitän zur See als Verbindungsoffizier zum Verteidigungsministerium. Von Kapitän Maurer, der heute Walter Scheel dient, ließ sich einst sogar der skeptische Sozialdemokrat Gustav Heinemann mit der Bundeswehr versöhnen. Maurers Trick war ebenso einfach wie bestechend: Er überredete Heinemann zu einem Besuch auf der Gorch Fock, dem Segelschulschiff der Marine.

Wenn es der Marine nützt, sind die 27 Admirale, die sie hat, auch noch bereit, Shanties zu singen – „aber englisch“. Ihre Eigenwerbung hat die Marine bitter nötig:Im Haushaltsausschuß des Bundestages muß sie jedesmal wieder den Verdacht entkräften, neue Fregatten dienten ihr lediglich zur besseren Repräsentation ihrer Admirale. Bis heute muß sie sich die Frage gefallen lassen, ob sie als Küstenmarine oder als blue water navy zu betrachten sei. Und: ob nicht die Holländer ihren Auftrag zweckmäßiger erfüllen könnten.

Dagegen ist das Selbstgefühl der Heeresgenerale, 115 insgesamt, nur schwer zu erschüttern. Noch der letzte Bundestagsabgeordnete weiß, was ein Panzer niederwalzen kann. Die Generale im grauen Tuch führen die größte und stärkste Teilstreitkraft: Daß sie im Frieden national geführt wird und die Kontakte zur Nato loser sind als bei Marine oder Luftwaffe, wirkt sich auf die Denkweise des Heeres aus. Geführt wird aufrecht, hölzern und klar – den Laufbahnvorschriften des öffentlichen Dienstes mindestens ebenso verbunden wie dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Aber in der Kunst der Menschenführung lassen sich diese Generale von niemandem etwas vormachen.

Die Luftwaffe ist wiederum eine andere Welt: Bei ihr stand die Technik Pate von Anfang an. Der Spezialist ist der Luftwaffe wichtiger als der Dienstgrad. Ein Pilot, der mit seiner Maschine einsam unter dem Himmel „hängt“, allein auf sich gestellt, hat eine funktionale Vorstellung von Disziplin, keine formale. Der Rottenführer im Range eines Hauptmanns oder Majors kann von dem General, der sich ihm für eine. Flugstunde als Rottenflieger anschließt, erwarten, daß er seinen Befehlen Folge leistet – für einen Heeresmann die verkehrte Welt, für einen Angehörigen der Luftwaffe die einzig vernünftige. „Wir sind keine Soldaten, wir fliegen“, erklärte ein Pilot dem Wehrbeauftragten Willi Berkhan einmal sein Selbstverständnis.

Die Angehörigen der beiden anderen Teilstreitkräfte beneiden die Luftwaffenangehörigen immer noch ein wenig als „Schlipssoldaten“ – auch als die Leute, die in der Bundeswehr – ob Flieger oder Techniker – die sinnvollsten, dem zivilen Leben am ehesten vergleichbaren Jobs haben. Soldaten mit unverkrampftem liberalem Selbstverständnis sind im Offizierskorps der Luftwaffe wahrscheinlich öfter zu finden, als anderswo – trotz General Walter Krupinski, der nach Meinung von Insidern nur als „Jäger“ zu verstehen ist, als Prototyp des Kämpfenden in der Luftwaffe. Seit Hermann Göring sind es die „Jäger“, die an der Spitze der Luftwaffe stehen. In dem Schnack: „Ich bin Jäger und alles andere sind Friseure“, verewigten sie ihre Selbsteinschätzung. Ob „Jäger“ oder „Bomber“ – das ist auch unter Georg Leber eine Weltanschauungsfrage geblieben, die zumindest an der pilot’s bar noch nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat. Zuckmayers Harras, des Teufels General („Da sehen Sie den alten Harras, gar keine Würde von General“) war auch ein Jäger.

Die Generale/Admirale von heute sind von ihrer Streitkraft geprägt, aber auch durch Alter und Lebenserfahrung. Da ist das Erlebnis des Zweiten Weltkrieges das bestimmende Moment. Ein General, der ihn aktiv mitgemacht hat, ist anders als einer, der vom Krieg als einem geschichtlichen Ereignis spricht, das er als Junge im Luftschutzkeller erlebte – wie beispielsweise Horst Jungkurth, mit 43 Jahren der jüngste General der Luftwaffe und der Bundeswehr.

Es gibt keinen General mehr, der schon im Zweiten Weltkrieg einen goldenen Stern trug. Diese Generation ist längst „hinauspensioniert“, wie es im Hardthöhen-Jargon heißt. Von den einundzwanzig, die ich sprach, gehörte auch keiner mehr der Generation jener Weltkriegs-Obersten an, die das innere Gefüge der Bundeswehr jahrelang mit ihren Erinnerungen an die „gute, alte Zeit“ verpesteten. Fünfzehn hatten den Krieg als Fähnrich, Leutnant oder Hauptmann beendet, einer als Unteroffizier (Brigadegeneral Dr. Günther Kiesling), einer als Major (Gerd Schmückle, heute Generalleutnant), zwei stammten aus dem Luftwaffenhelfer-Jahrgang (die Brigadegenerale Claus Thierschmann, Luftwaffe, und Hans-Joachim Mack, Heer) und zwei waren Schüler (außer Jungkurth auch der Luftwaffengeneral Horst Hauke).

Über seine Kriegserfahrungen sprach keiner gern, der welche hatte. Als ich den Zwei-Sterne-General Horst D. Kallerhoff, Kommandeur, der 3. Luftwaffendivision in Kalkar am Niederrhein fragte, wie viele Flugzeuge er als Jagdflieger abgeschossen habe, setzte er sich etwas gerader hin und antwortete steif: „Das paßt doch nicht in die Zeit und besonders nicht in die Allianz, in der wir jetzt leben.“ Ich erfuhr es nicht.

Ähnlich reagierte sein Gegenstück in Süddeutschland, General Fritz Wegner von der 1. Luftwaffendivision. Als junge Piloten ihn einmal fragten, wie es denn gewesen wäre, damals, antwortete er ihnen: „Männer, fragt mich nicht. Es lohnt sich nicht. Ich habe den Krieg erlebt, als er dreckig war.“ Wegner beendete den Krieg mit 22 Jahren, einem gebrochenen Becken und einer schweren Augenverletzung. Zwölf Tage vor Kriegsende wurde er zum letztenmal abgeschossen (von insgesamt sechs Malen).

Wie er, so verdankt auch der Heeresgeneral Hans Ewert sein Leben den vielen Verwundungen, deretwegen er mit einiger Regelmäßigkeit aus dem Verkehr gezogen wurde. Nach dem Willen seines Vaters hätte der Ostpreuße Ewert Arzt werden sollen; aber weil er nicht mit Kranken, sondern mit Gesunden zu tun haben wollte, wurde er lieber Soldat. „Nachdem ich siebenmal verwundet worden war, das erstemal mit neunzehn Jahren, acht Tage nach Kriegsbeginn, dachte ich darüber auch anders. Nach dem Kriege wäre ich gern Arzt geworden. Aber da hatte ich kein Geld mehr zum Studieren, und als Offizier war ich auch verdächtig.“ Sieben Verwundungen waren in seinem Jahrgang „kein Problem“: „Viele hatten noch mehr. Die meisten hatten das silberne Verwundetenabzeichen, einige auch das goldene.“ Dem Kampf ums Überleben folgte nach 1945 der Kampf um die Existenz. Er verlief selten glorreich, oft respektabel, und manche hielten sich auch nur knapp über Wasser. Nicht alle, die studieren wollten, schafften es wie Dr. Gottfried Greiner, heute Brigadegeneral und zuständig für Ausbildung und Forschung in der Führungsakademie. Er studierte Jura bei Werner Weber in Göttingen und hatte es zum Regierungsrat im bayerischen Innenministerium gebracht, ehe er 1956 „umstieg“.

Schwerer hatte es der Pommer Hans Poeppel, Jahrgang 1921, heute Kommandeur der 6. Panzergrenadierdivision in Neumünster: „Ich sah mich um bei Bahn, Post, im öffentlichen Dienst und an der Universität. Aber ich wurde überall abgelehnt. Ein Hauptmann war damals ein schrecklicher Mensch.“ Schließlich gelang es ihm, als Pädagogikstudent immatrikuliert zu werden (unter 1500 Bewerbern wurden 75 ausgewählt). Er war Volksschullehrer in der Lüneburger Heide, als er sich 1956 zur Bundeswehr meldete.

Admiral Günter Fromm, Jahrgang 1924, gebürtiger Wilhelmshavener, suchte bis Ende 1946 im Skagerrak Minen, danach war er ungelernter Arbeiter. Er baute (und klaute) sich eine Lastkahnschute zusammen und transportierte auf den nordwestdeutschen Kanälen Torf – damals ein gutes Geschäft, aber Fromm war kein Geschäftsmann: „Ich blieb am Leben, doch ohne Gewinn.“ Weil er Heiratsabsichten hatte, ging er 1949 zum Zollgrenzdienst und stand bis 1952 für 210 Mark als Grenzer an der Zonengrenze im Bereich Lüchow-Dannenberg. Danach folgte die Ausbildung zum Zollinspektor. Schon 1956 war für ihn klar, daß er wieder zur Marine ging: „Das war mein eigentlicher Beruf.“ Seine Frau ergab sich in ihr Schicksal als Seemannsfrau: „Das hättest du ja doch nicht ertragen – die Schiffe einlaufen sehen und nichts damit zu tun zu haben.“

So leicht wie der Marinemann finden die meisten die Frage, warum sie 1956 wieder zur Bundeswehr gingen, nicht zu beantworten. Manche gingen, weil es der einzige Beruf war, den sie gelernt hatten. Flieger gingen, weil sie wieder fliegen wollten. Gerd Schmückle ging, weil die Kinder auf ordentliche Schulen sollten. Er hatte zehn Jahre lang als Landwirt den ererbten Hof bewirtschaftet und kehrte ohne Idealismus zurück, mit dem Vorsatz zu reformieren und den Reformer Graf Baudissin zu unterstützen – „der einzige, der sich damals mit gesellschaftspolitischen Problemen in der Bundeswehr ernsthaft beschäftigte“.

So ähnlich war es auch bei Carl-Gero von Ilsemann: kein Leitmotiv, sondern ein Motivbündel führte ihn zurück. „Es war der Beruf, den ich ursprünglich angestrebt hatte“, sagt er, der aus einer alten Offiziersfamilie stammt – sein Onkel war der letzte Flügeladjudant Kaiser Wilhelms II. „Ich hatte Angst, in Hildesheim zu verspießern“, fügt er hinzu. „Und ich wollte als junger Ehemann aus dem Haus der Schwiegereltern raus.“ Auch er hatte Graf Baudissin kennen und schätzen gelernt als „einen Mann, der Lehren aus der Vergangenheit ziehen wollte“. Ilsemann sah eine Chance, die Erziehung des neuen Offizierkorps mit zu beeinflussen.

Wieder anders der Bayer Michael Greipl, Kommandeur der 1. Gebirgsjägerdivision. Obwohl er schönste Aussichten im bayerischen Staatsdienst hatte, trat er 1956 aus Überzeugung in die Bundeswehr ein, angeworben von zwei Majoren aus dem alten Generalstab. Auf die Frage „Was tun, wenn der Russe kommt?“, die 1950 der damalige Generalleutnant a. D. Hans Speidel in einer Denkschrift für Adenauer aufwarf, hatte er eine klare Antwort: das Vaterland verteidigen. Generalmajor Greipl ist praktizierender Katholik und hat eine festgegründete Weltanschauung, die er vergnügt mit den Worten umschreibt: „Ich rauche schwarze Brasil, ich trinke schwarzen Kaffee, und ich habe eine schwarze Seele.“ Daß das Leben ohne einen derart unerschütterlichen Halt komplizierter sein kann, räumt Greipl bereitwillig ein. Die Bayern sind stolz darauf, schon immer Offiziere gehabt zu haben, die liberaler als die preußischen waren.

Wahrscheinlich war keiner der Generale von heute 1956 SPD-Wähler: Er wäre sonst nicht in die Bundeswehr gegangen, sondern Pazifist geworden und hätte mit „Ohne mich“-Transparenten gegen die Gründung der Bundeswehr protestiert. Leicht hatten sie es damals alle nicht, ihnen wurde viel Mißtrauen entgegengebracht, nicht nur von links, nicht nur aus der Politik. Sie selber waren gebrochen von Hitler, von dem verlorenen Krieg, von der Gefangenschaft, dem Existenzkampf danach. Und sie waren verunsichert von einer neuen Politikergeneration, die die Militärs brauchte, sie aber nur entmachtet und geknebelt ertragen konnte.

Ernst Ferner, der ehemalige Oberbefehlshaber Europa-Mitte, im Oktober 1975 mit vier Sternen pensioniert und in seiner Mischung aus Bildung, militärischem Fachwissen und operativem Denken das Idealbild eines Generalstabsoffiziers, wie es ihn nur selten gibt, sagte mir aus seiner Erfahrung: „Welche Generale wir auch immer an der Spitze der Bundeswehr und im internationalen Bereich gehabt haben – wenn man sie mit ihren Counterparts bei den Alliierten vergleicht, stellt man fest, daß deutsche Generale mindestens ebensoviel geleistet haben wie die anderen, aber sie waren einfach nicht mehr ohne Bruch gewachsen. Ein Bruch kann heilen, er kann den Mann stärker machen, aber die gerade, konsequente Linie ist nicht mehr da. Wenn Sie mal sehen, wie filmreif ein englischer General die Front abschreitet und wie unsicher ein deutscher – das ist das äußerlich fühlbare Ergebnis der Entwicklung.“

Die „selbstgestrickten“ jungen Generale, die in der Bundeswehr großgeworden sind wie die Luftwaffengenerale Horst Hauke und Horst Jungkurth oder der Brigadegeneral Hans-Joachim Mack, mit 49 Jahren der zweitjüngste Heeresgeneral, wachsen ohne Bruch als Nato-Offiziere heran.

Sie sind nüchterner und sachlicher als die Älteren. Was sie bedrängt, ist höchstens die Technik, nicht die Vergangenheit. Vor Pathos haben sie Scheu; sie zeigen nicht so oft auf ihr Herz wie die alten Troupiers, sondern fassen sich öfter an den Kopf. Vielleicht fehlt ihnen, die nie im Kriege aktiv „in die Gefahr hineinhandeln“ mußten (Ulrich de Maizière) wie die Älteren, dafür ein Schuß Duldsamkeit und Einsicht in die menschliche Unvollkommenheit. In dieser Hinsicht sind die älteren geläutert. Für vieles bringen sie Verständnis auf, auch wenn sie es falsch finden.

Ernst Ferber erinnert sich manchmal eines Erlebnisses an Ludwig Erhards 70. Geburtstag. Er war damals Inspekteur des Heeres und kam in voller Montur mit seiner Frau zur Geburtstagscour. Je näher er dem Jubilar rückte, desto stärker wurde das Gedränge. Schließlich wurde der Inspekteur des Heeres von den Photoreportern in die Rippen gestoßen und abgedrängt, damit sie guten Schuß auf den Gratulanten vor ihm hatten: Max Schmeling. Den Inspekteur des Heeres kannte niemand. Er fand dies Erlebnis komisch, aber auch fragwürdig: „Im Interesse der Demokratie sollten die Leute mehr wissen über die Leute, von denen sie im Falle eines Krieges abhängen.“

Oft werden die Generale noch immer als Straßenbahnschaffner, Polizisten oder Portiers von Nobelherbergen verkannt. Ich habe selber miterlebt, wie Admiral Günter Fiebig an der Essensausgabe einer Bonner Beamtenkantine von seinem Vordermann freundlich gefragt wurde: „Sie sind sicher; der evangelische Geistliche?“

Wenn es dem Ansehen der Bundeswehr nützt, treten diese Generale auch in Idealkonkurrenz zum Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) auf – so Generalmajor Hans Ewert in Oldenburg, der sympathischste Eisenfresser, den ich je sah. Als in der Stadt letztes Jahr die Straßensammlung der Kriegsgräberfürsorge anstand, trommelte er die Brigade- und Bataillonskommandeure seiner Division auf dem Marktplatz zusammen. Seine Frau ging nicht mit, sie hatte Angst: „Sie werden dich mit Dreck bewerfen.“ – „Die sammeln für die Gräber der Zukunft“, brüllte der KBW, als die Militärs auftauchten. Aber die Oldenburger als alte Garnisonsstädter haben für einen Mann, mit Generalssternen noch immer mehr übrig als für wilde Kommunisten. Hans Ewert freute sich: „In zwei Stunden hatten wir 3000 Mark zusammen. Die sehen nur das Gold des Generals.“

Nicht die Kasernen, sondern ihre Frauen sind für die erfahrenen Praktiker des Heeres der Mittelpunkt des Lebens: ihre Rückzugslinie, ihre Tankstelle, ihre Heimat, manchmal auch ihr Kreuz. Anders als „draußen im Leben“ werden in der Bundeswehr kaum Witze über Ehen gemacht. Sie sind ein ernsthaftes Thema, über das oft und offen gesprochen wird, im Dienst genauso wie zu Hause. So forderte Vizeadmiral Hans Helmut Klose, der Befehlshaber der Flotte, in einer Ansprache seine Einheitsführer auf: „Werten Sie einmal die Probleme der kritischen Phase einer Ehe – und sie gibt es leider zahlreich unter uns – wo das Bemühen beider Partner, wenigstens einen Rest an Gemeinsamkeit zu retten, einmündet in den Zermürbungskrieg nächtelanger alkoholgetränkter Streitgespräche.“

Der Kommandierende General Carl-Gero von Ilsemann, selber glücklich verheiratet, hält sich über die Ehen seiner Offiziere mit persönlicher Anteilnahme auf dem laufenden. „Sind Sie verheiratet?“, ist eine seiner ersten Fragen, die er an einen ihm unbekannten Offizier oder an den Wehrpflichtigen stellt, der ihm gerade über den Weg läuft. Ausgerechnet zum Bereich seines Korps gehört der einzige Junggeselle der deutschen Generalität – Brigadegeneral Dr. Günther Kiesling, Jahrgang 1925. Daß Kiesling in diesem Alter dem Stand der Ehe vermutlich schon verlorengegangen ist, irritiert Ilsemann. Für das unstete Leben der Soldaten, dem „ältesten Gewerbe der Welt“, wie er gern sagt, wirkt seiner Meinung nach nichts so segensreich wie eine funktionierende Ehe.

Am härtesten treffen die Generale negative Erfahrungen mit den eigenen Kindern. Manche können schon von Glück sprechen, wenn ihre Söhne den Wehrdienst freiwillig leisten. Mit einer Ausnahme hatte keiner einen Sohn, der Berufsoffizier werden wollte. „Meine Kinder sollen es besser haben“, sagen die Söhne den Vätern. Sie haben im Schnitt fünf- bis siebenmal die Schule wechseln müssen – so oft, wie der Vater versetzt wurde, und sie haben dabei sämtliche Schulsysteme unseres föderalen Staates, von Bayern bis Schleswig-Holstein, kennengelernt und darunter gelitten. Einige verweigern den Wehrdienst. Als der älteste Sohn eines Generals seinen Entschluß der Familie eröffnete, rastete der Vater nicht eher, als bis der Sohn eine Ersatzdienststelle gefunden hatte. Er mußte 24 Bewerbungsschreiben schicken. Die Stellen sind rar.

Auch da sind die Erfahrungen der jüngeren Generale schon wieder anders. Horst Jungkurths fünfzehnjährige Tochter und sein elfjähriger Sohn sind Bundeswehr-Fans. Das melden auch andere Offiziere: Bei den Unter-Fünfzehnjährigen ist die Bundeswehr „in“. Sie sammeln Spielzeugsoldaten und tragen olivgrüne Bundeswehrparkas, die Bundesfarben am Arm. Die Mädchen bedauern, daß sie nicht Wehrdienst leisten können.

Der 43jährige Jungkurth kann sich da nur wundern. Geheuer ist ihm diese Begeisterung nicht, geschürt hat er sie bei seinen Kindern auch nicht. Übertreibungen liegen ihm nicht. Jedesmal, wenn ein Pilot zu ihm „Herr General“ sagt, hat er das Gefühl, er müßte sich umdrehen, um zu sehen, ob jemand hinter ihm steht. Als er 1956 sein Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie in Frankfurt kurz vor dem Staatsexamen abbrach und mit elf anderen Studenten zum „Bund“ ging, hat der Gedanke, zum Kampf gegen den Kommunismus anzutreten, für ihn keine Rolle gespielt. Ihn bewegte eher die Vorstellung, daß die Bundesrepublik erst mit einer eigenen Verteidigungsarmee die volle nationale Souveränität wiedererlangte – innerhalb des Bündnisses freilich, das war klar für seine Generation. Ein amerikanischer Oberst, der in den hessischen Oberschulen für re-education sorgte, hatte auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. Manchmal fragt er sich heute noch, ob es ein Fehler war, das Studium abzubrechen. „Mädchen, Barras und Alkohol – diesen geistigen Niedergang“ werde er nicht lange aushalten, hatte damals sein Professor prophezeit. Aber die Wirklichkeit der Bundeswehr sah anders aus – und er verkraftete sie besser als die Universität, „wo jeder nur aus Eigeninteresse durchs Studium raste. Das war mir alles zu wenig und zu unbefriedigend.“ Die Bundeswehr war seiner Generation etwas völlig Neues – „so, als ob man einen Industriebetrieb aus dem Nichts aufbaut“. Und schließlich reizte ihn das Abenteuer des Fliegens.

Ist er ein Technokrat? Dieses Wort ist Jungkurth unsympathisch, er weist es energisch zurück. „Maximierung der Technik ist für mich kein Ziel“, so sagt er, „sondern ein Mittel zur optimalen Berufsausübung. Ich glaube aber, daß man als Fachmann die Technik beherrschen muß.“ Jungkurth ist der verantwortliche General für die Flugsicherheit in der Bundeswehr. Nach unserem Gespräch zog er sich die signalrote Kombination der Flieger an, ließ sich auf den militärischen Teil des Bonner Flughafens fahren und kletterte in die Fiat G-91, einen leichten Jagdbomber, um nach Wittmund/Ostfriesland zu fliegen – zu einem Inspektionsbesuch beim Richthofen-Geschwader.

Sich „combat ready“ zu halten, kampfverwendungsfähig, wird von einem General nicht mehr gefordert. Aber damit er selber beurteilen kann, was er den Piloten durch seine Anordnungen zumutet, soll er sich über die Lage in den fliegenden Verbänden aus eigener Anschauung unterrichten: in siebzig Flugstunden pro Jahr. Wenn die jungen „Tiger“, die als Flugzeugführer im Starfighter oder in der Phantom sitzen, von weitem einen „In-Übung-Halter“ aus der Generals-Kategorie sehen, machen sie gern einen großen Bogen. „Danger-Area“, witzeln die Kameraden, „ein Dumm-Dumm-Geschoß kommt“. Als der 43jährige Jungkurth das hörte, fragte er besorgt: „Aber das sagen sie doch hoffentlich nur bei den alten Generalen?“

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Wie Generale gemacht werden