Von Hansjakob Stehle

Rom‚ im April

Mörder!" Gellend durchstößt der Schrei die Stille des Totengedenkens, hallt widervon den Marmorwänden der römischen Basilika und läßt alle erschauern: Minister und Geistliche, Studenten und Arbeiter, Christen und Kommunisten – und die Bäuerin aus den Abruzzen. Sie hat ihrem Sohn, einem 23 jährigen Polizisten, das Brautkleid seiner Verlobten in den Sarg gelegt – keine bloße Geste, ein fast archaisches Ritual aus einer Welt, die auch in Italien untergeht. "Mörder!" – irgend jemand hat es gerufen und niemand kann sicher sein, wie es gemeint ist. An der Stelle, an der Settimio Passamonti, der Polizist, tot in die Arme seiner Kameraden stürzte, liegen jetzt die Blumen der Leute aus dem Arbeiterviertel von San Lorenzo, aber es steht auch mit Kreide aufs Pflaster geschrieben: dies sei die Rache für den Tod eines Studenten in Bologna, den ein Polizistenschuß traf.

Schüsse aus dem Nebel

Es waren nur einige Hundert der 150 000 Studenten der Universität Rom, dieletzte Woche nach, der Räumung der besetzten Fakultäten der Polizei eine jener Straßenschlachten liefern wollten, die seit Monaten die Hauptstadt immer wieder verunsichern. Und nur einige Dutzend Ultras hatten die Parole "bewaffneter Kampf" ausgegeben. Die Schüsse – durch die ein anderer Polizist und eine amerikanische Journalistin verletzt wurden – fielen aus einer Nebelwolke von Tränengas, hinter der nichts und niemand zu erkennen war. Was wäre geschehen, wenn die Polizisten – eher verängstigte als forsche junge Leute, rekrutiert wie die meistenOrdnungskräfte Italiens aus dem bäuerlichen Arbeitslosenheer des Südens – einfach blind zurückgeschossen hätten? Wäre nicht ein Blutbad angerichtet worden – auch unter unbeteiligten Passanten, zwischen die sich die Demonstranten gemischt hatten?