Von Jürgen Offenbach

Peking, im April

Es ist weit nach Mitternacht in Peking, aber die Rückseite vom Platz des Himmlischen Friedens liegt noch im gleißenden Scheinwerferlicht. Zusammengepfercht auf Lastwagen stehend werden Arbeiter in blauen und grünen Mao-Kitteln zur Baustelle hinübergekarrt, die dort, lichtüberflutet und abgezäunt, schon die Ausmaße einer mehrgeschossigen Kongreßhalle angenommen hat: Hier entsteht das Mausoleum für den Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung. Das Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau wirkt zwergenhaft dagegen. Maos künftige Grabstätte zu photographieren oder sich ihr gar zu nähern, ist streng verboten. Die letzte Ruhestätte für die sterbliche Hülle des großen Steuermanns soll genauso unauffällig aufgebaut werden, wie sein politisches Vermächtnis stellenweise abgetragen wird.

Mao ist groß und entrückt, aber Tschou En-lai ist geliebt und allen Chinesen nahe. Man hört es aus den Reden der Funktionäre, sieht es von Peking bis Schanghai in bunten Bilderserien, die in öffentlichen Gebäuden und vielen Schaufenstern chinesischer Ladenstraßen hängen: Die Erinnerung an den verstorbenen Ministerpräsidenten wird mit Inbrunst gepflegt. Wird dagegen Mao zur Rechtfertigung aktueller Politik zitiert, so häufig mit Reden, die aus seiner pragmatischen Ära Mitte der fünfziger Jahre stammen. Mühe mit Mao haben die Pekinger Ideologen je mehr, desto länger der Feldzug gegen die sogenannte "Viererbande" unter Maos Witwe Tschiang Tsching sich hinzieht. Kein chinesischer Funktionär spricht es aus, doch immer wieder klingen bei inoffiziellen Gesprächen Zweifel an, ob Mao von den Aktivitäten der "Viererbande" nicht nur gewußt oder ob er sie nicht auch gebilligt hat.

Mit welcher Wucht und Pausenlosigkeit, aber auch mit welchem Haß gegen die "Viererbande" vorgegangen wird, sollte offensichtlich dem jüngsten Staatsgast aus der Bundesrepublik, dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten und stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Hans Filbinger und seiner Delegation demonstrativ vorgeführt werden. Sowohl beim Gespräch des chinesischen Außenministers Huang Hua mit Filbinger als auch im Zwei-Stunden-Dialog mit Maos Nachfolger Hua galten wesentliche Passagen den staatspolitischen Folgen der aufgedeckten "Verschwörung".

Der Vorwurf lautet, Tschiang Tsching und ihre Leute hätten das Land erst chaotisieren wollen, um dann die Macht zu usurpieren. Vorrangiges Angriffsziel sei die Wirtschaft gewesen, deren Produktivität sie als Produktionismus diffamiert hätten. Das Außenhandelsministerium sollen sie als "Ministerium zum Verkauf des eigenen Landes" in Verruf gebracht haben. Wo immer in China die Sprache auf die "Viererbande" kommt, werden Parolen zitiert, die sie bis zu ihrem Sturz im Oktober 1976 ausgegeben haben soll: "Lieber dumm und sozialistisch, als klug und kapitalistisch." Oder: "Jede stillgelegte Fabrik ist eine Schlinge um den Hals der Herrschenden." Oder: "Ein verspäteter sozialistischer Zug ist immer noch besser als ein pünktlicher kapitalistischer." Ob infolge dieser Parolen oder aus anderen Gründen – offensichtlich ist die Arbeitsmoral gesunken. Man sieht es beim Besuch von Fabriken und bei Fahrten über Land: Die sprichwörtliche "Arbeitsamkeit der blauen Ameisen" ist einer Lethargie gewichen. Im Vergleich zum Anfang der siebziger Jahre sind die Städte – Peking und Schanghai zum Beispiel – in einem auffallend heruntergekommenen Zustand.

Die chinesische Progaganda führt gegenwärtig nahezu alle Mißstände auf die "Viererbande" zurück. Bei jedem offziellen Gespräch in China, jedem Festbankett, in jeder Fabrik, jeder Volkskommune, jedem Kindergarten, jedem Kulturabend, ja sogar bei der Besichtigung einer 30 Quadratmeter großen Arbeiterwohnung – überall wird die "Viererbande" im Mühlwerk der allgegenwärtigen Propaganda zermahlen.