Bei Schimon Peres weiß noch niemand, woran er mit ihm ist

Von Dietrich Strothmann

Das Bild sprach Bände: Die Delegierten rissen ihre Arme mit den Abstimmungskarten steil in die Höhe. Schimon Peres blickte starr geradeaus. Yitzhak Rabin hielt seine Hand nur halb so hoch und guckte seinen Rivalen an wie ein begossener Pudel. Es war der Tag, auf den Peres so lange gewartet, den Rabin so oft schon gefürchtet hatte – der Tag, an dem der eine endlich über den anderen triumphieren konnte. Das Zentralkomitee der regierenden Arbeiterpartei hatte den Verteidigungsminister Schimon Peres zum Nachfolger des schmählich und schmachvoll gestrauchelten Yitzhak Rabin als Spitzenkandidaten für die Wahlen am 17. Mai erkoren.

Rabin, der Militär, der erst spät in das heikle politische Geschäft einstieg und in die Partei eintrat; Peres, der politische Fuchs, der als Staatssekretär und Stellvertretender Verteidigungsminister unter seinem Ziehvater David Ben Gurion, zuletzt als Ressortchef Israels Armee und Rüstungsindustrie zu seiner Schlagkraft verhalf – sie waren einander wenn nicht spinnefeind, so doch nicht grün. Rabin teilte die Ansicht der Peres-Kritiker Er sei ein Opportunist, ein Taktiker und Technokrat. Peres wiederum stimmte der harten Rabin-Schelte seines Protagonisten Mosche Dayan zu: Er sei ein Zauderer, der in Notsituationen den Kopf verliere. Und weil er, der forsche Draufgänger, glaubte, die Partei aus dem "Tal der Tränen" wieder in lichtere Hohen führen zu können, hatte er sich schon Ende Februar in einer Kampfabstimmung als Gegenkandidat aufstellen lassen und war damals nur knapp hinter dem sonst glücklosen Rabin durchs Ziel gegangen: ihm fehlten 41 Stimmen.

Dann aber geriet, bald darauf, der Geradenoch-Kandidat von Golda Meirs und des Mapam-Koalitionspartners Gnaden selber in den Affärenstrudel, der schon namhafte Parteifunktionäre von der politischen Bühne gerissen hatte: Zwei New Yorker Bankkonten seiner Frau Lea, von denen auch er abheben konnte – ein Devisenvergehen nach israelischem Recht brachten ihn jäh zu Fall. Rabin, darin ein aufrechter Mann, zog die Konsequenzen, trat von seiner Kandidatur zurück und, auf Drängen Peres’, auch von seinem Amt als Ministerpräsident. Obwohl er, gemäß der Verfassung, noch Premier pro forma bleiben muß, führt seit letzter Woche der Verteidigungsminister als provisorischer Premier die Geschäfte, des Regierungschefs.

So wurde das unerwartete Unglück des einen zum unverhofften Glück des anderen. "Alles Gute, Schimon", hatte Yitzhak Rabin noch vor zwei Monaten dem unterlegenen Kontrahenten zugerufen. Es wurde nicht bekannt, was Schimon Peres dem abgedankten Vorgänger zum Abschied sagte. Berichtet wurde nur, was er vor der letzten Nominierungsentscheidung ganz allgemein über ihre Aussichten meinte: "Das ist nicht das Ende der Straße, für ihn nicht und auch nicht für mich. Wir beide stehen noch mitten in unserer Karriere."

Das ist keine Frage: Yitzhak Rabin, der fünfundfünfzigjährige, wird als Abgeordneter in der 9. Knesset dem dreiundfünfzigjährigen Schimon Peres hart auf den Fersen bleiben. Und das wird, wenn der Verteidigungsminister zum 6. Premierminister aufsteigen sollte, nicht sein einziges Hindernis sein, das der clevere "Karrierist" zu meistern haben wird: Die zerbrochene Arbeiterpartei muß zusammengeschweißt, argwöhnische Koalitionsgenossen müssen, damit er regieren kann, gewonnen werden. Neuerdings muß er sogar um seine "Tauben", mit denen er sich schmücken will, bangen: Dem eingeplanten Außenminister Abba Eban droht ein ähnliches Devisen-Debakel wie Rabin; dem vorgesehenen Verteidigungsminister Jigal Allon wird vorgehalten, er verberge eine Krankheit. Die Amerikaner dürfen nicht zweifeln, daß auch Peres einen Kompromißfrieden will, die Araber nicht glauben, daß mit Peres an der Spitze in Jerusalem der nächste Krieg unmittelbar bevorsteht.