Die Ölkatastrophe in der Nordsee erregt die Umweltschützer, doch die Unfallfolgen wiegen gering – verglichen mit den Millionen Tonnen Öl, die "routinemäßig" jährlich ins Meer fließen.

Elf Jahre lang ging es gut. Auf der Jagd nach Öl brachten! die Konzerne seit 1966 fast tausend Bohrlöcher inmitten der Nordsee nieder – ohne großen Zwischenfall. Mit dem Bruch eines Sicherheitsventils auf der norwegischen Bohrinsel "Bravo" im Ekofisk-Feld war die Katastrophe da. Fachleute sagen, daß sie dies schon längst erwartet hätten. Nach amerikanischen Erfahrungen gibt es im Durchschnitt einen "Blow-out" auf je 500 Bohrungen vor der Küste.

Täglich 4000 Tonnen Rohöl traten seit dem verhängnisvollen Defekt unter dem natürlichen Druck der Lagerstätte in einer 60 Meter hohen Fontäne aus – direkt ins Meer. Mitte dieser Woche bedeckte der Ölteppich, der die Fischgründe, Seevögel und Sandstrände bedroht, schon 400 Quadratkilometer der Nordsee.

"Früher oder später wird es in der Nordsee ein Unheil geben", warnte erst vor vierzehn Tagen der weltberühmte texanische Ölkatastrophen-Bekämpfer Paul "Red" Adair im britischen Rundfunk. Daß es bei einem Zwischenfall in der Nordsee keine schnelle Rettung geben würde, war ihm klar. Adair: "Es gibt dort nichts für eine ordnungsgemäße Bekämpfung."

Doch was Paul Adair am meisten fürchtet, nämlich die um sich greifende Brandkatastrophe im dicht mit Fördertürmen gespickten Ekofisk-Feld, und deshalb am lautesten fordert, nämlich eine Feuerschutzflotte für 300 Millionen Mark, interessiert Umweltschützer erst in zweiter Linie. Sie starren gebannt auf den stinkenden Teppich aus Tausenden von Tonnen Rohöl und fragen sich besorgt, wieviel davon dem Meer und seiner Selbstreinigungskraft noch zugemutet werden kann.

Denn "routinemäßig" verschmutzt die Menschheit ihr Meerwasser mit Millionen Tonnen Öl im Jahr. Spektakuläre Tankerunfälle verursachen dabei nicht einmal den größten Schaden – trotz der fetten Schlagzeilen: So etwa die Strandung der "Torrey Canyon", die 1967 im Ärmelkanal auseinanderbrach und mit 50 000 Tonnen Öl die französische und englische Küste verpestete. Oder die Havarie des Supertankers "Urquiola" vor der nordspanischen Küste, als sogar 100 000 Tonnen Rohöl ausliefen.

Fast vergessen werden dabei die zahlreichen kleinen "Ölunfälle" in Häfen und an Küsten, die sich tagtäglich in aller Welt ereignen und zusammengenommen mehr zur Verschmutzung beitragen als die großen Katastrophen. So schätzen denn auch Experten des maritimen Umweltschutzes die weltweit ins Meer geratende Ölmenge inzwischen auf fünf bis zehn Millionen Tonnen pro Jahr – der zehn fisk-Schaden in der Nordsee nimmt sich dagegen fast harmlos aus.