Gelgentlich erscheinen Bücher, deren Titel allein den "Ja-natürlich"-Effekt auslösen: Wie kommt es, daß diese Probleme nicht schon früher dargestellt worden sind? Zu diesen Büchern gehört:

George L. Mosse: "Die Nationalisierung der Massen. Von den Befreiungskriegen bis zum Dritten Reich"; Ullstein Verlag, Berlin 1976; 283 S., 38,– DM.

Die Fragen Mosses sind einfach und einleuchtend: Wie stellen sich nationale oder nationalistische Bewegungen, Kräfte, Regierungen dar? Was benutzen sie an Fahnen, Standarten, Märschen, Versammlungen, um ihre Vorstellungen auszudrücken? Und was fanden sie bei dem Publikum an Organisationen, Formen und Traditionen vor, deren sie sich zur Einflußnahme bedienen konnten? In welchem Maße waren die immer wieder zitierten Turner, Sänger, Schützen disponiert, solche nationale Ideen aufzunehmen? Gab (und gibt) es zwischen den Ritualen der Selbstdarstellung "oben" und den Ausdrucksformen "unten" Berührungspunkte, über die jene Nationalisierung der Massen erfolgen konnte?

Die Wandlung der unreflektierten Heimat- oder Vaterlandsliebe über den opferbereiten Patriotismus – zum blinden Nationalismus ist ein Vorgang, der weit bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht; mit dieser Behauptung hat Mosse recht. Aber daß er die Gründe dieser Transformation nur kurz anführt, mindert den Wert seiner Untersuchung beträchtlich. Es reicht nicht, die Produkte nationaler Ideologie nur zu beschreiben, seien es Denkmäler für Geistesgrößen und Gefallene, öffentliche Feiern oder Regierungs-Architektur. –

Ein Kriegerdenkmal von 1820 sieht anders aus als das von 1920; aber die Fragen: Was dachte sich der Baumeister von 1820 bei seinem Entwurf? Was der von 1920? Wie weit hat die "Nationalisierung" zum Stilwandel beigetragen? – sie beantwortet Mosse zu flüchtig.

Die Gründe dafür lassen sich ahnen. Einmal zeigen Details, daß dem Autor bei allem Faktenwissen doch Irrtümer unterlaufen (etwa bei der Schilderung des Vereinswesens im vorigen Jahrhundert). Zum anderen wird bei der Lektüre immer deutlicher, daß er die Präzision der Aussage seiner Theorie unterordnet, die zunehmende Nationalisierung sei ein kontinuierlicher und geschichtsimmanenter Prozeß gewesen. Bei allem Respekt vor der Regie und Planung nationaler Kulte (oder Bauten) sie waren eben doch nur "Objektivierungen bewußter und unbewußter Wünsche und Sehnsüchte, in denen Millionen Zuflucht fanden". Der Mensch suchte nach einer Totalität von Kultur, Politik und Alltagsleben, die ihn immer wieder für ein Heimat- oder Gemeinsamkeitsgefühl anfällig machte – und damit für die Nationalisierung, für Mythos und Symbol.

Nationalismus also als Reflex auf die Vereinzelung des Menschen im Gefolge der Industrialisierung? Flucht aus der "Entmenschlichung der Massenpolitik" und "Massengesellschaft" in eine scheinbar glückliche und heile Welt, manifestiert in nationalen Symbolen und Riten, die noch einmal die Einheit von Kultur und Politik vortäuschten?

Richtig ist, daß auf die Geschichte der Politik und Diplomatie eine Geschichtsschreibung gefolgt ist, die das ökonomische in den Vordergrund rückt. Beide haben die Frage nicht beantwortet, was die Mehrheit eigentlich dachte und fühlte, wie sie – in einer frühen Definition – den Übergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft verkraftete. Mosse unterstellt, daß sie sich einfach die nächst größere Gemeinschaft – Volk, Nation, Reich – suchte, bis hin zu den Exzessen des Nationalsozialismus. Das ist eine beachtenswerte These, die genaue Einzeluntersuchungen verdiente. Der Autor hat dazu nur Bausteine geliefert. Horst Bieber