Umsatzriesen sind selten Spitzenverdiener

Von Hans-Hagen Bremer

Willy Schlieder, Chef der Generaldirektion Wettbewerb bei der Kommission der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel, zeigte sich überrascht: "Mit diesem Ergebnis hatten wir selbst nicht gerechnet."

Was Europas obersten Wettbewerbshüter so sehr ins Erstaunen versetzte, ist das Resultat einer von der EG-Kommission in Auftrag gegebenen Studie über den Zusammenhang zwischen Unternehmensgröße und Rentabilität. Kernpunkt der Analyse: Nur in Ausnahmefällen zählen die großen Industrieunternehmen in den neun EG-Ländern auch zu den rentabelsten. In der Regel sind ihre Gewinne im Verhältnis zum Umsatz recht bescheiden.

Die Untersuchung – es ist laut Schlieder "die erste dieser Art" – umfaßt diejenigen unter den 500 umsatzstärksten Industrieunternehmen Europas, die in mindestens einem der neun EG-Länder ansässig sind und von denen Angaben über Umsatz, Netto-Gewinn, Cash-flow und Eigenkapital auf vergleichbarer Basis vorhanden waren. Das waren insgesamt 292 Konzerne: 119,5 britische, 60 französische, 57 deutsche, 23 niederländische, 13 belgische, 12,5 italienische, 6 dänische und ein irisches Unternehmen. Die sogenannten bi-nationalen Unternehmen wie Shell oder Unilever wurden je zur Hälfte den Ländern zugerechnet, in denen die Muttergesellschaften beheimatet sind (Tabelle I).

Zur Messung der Effizienz der Unternehmen entwickelten die Wettbewerbsexperten der Kommission eine eigene "ökonometrische Methode". Dazu wurden die Angaben über Umsatz, Nettogewinn, Cash-flow und Eigenkapital so zueinander in Beziehung gesetzt, daß sich vier Leistungskoeffizienten ermitteln ließen. Aus ihrer Addition ergab sich die jeweilige Gesamtrentabilität.

Das so gewonnene Röntgenbild der Umsatzgiganten im Gemeinsamen Markt steckt in der Tat voller Überraschungen. So kommen bei der Aufschlüsselung nach Ländern, nicht etwa die für ihre Tüchtigkeit gemeinhin gerühmten Deutschen auf die Spitzenpositionen der Rentabilitätsliste – von den beiden US-Töchtern IBM-Deutschland und International Harvester auf Platz eins und zehn einmal abgesehen. Die britische Industrie – auf dem Kontinent wegen ihrer maroden Produktionsstrukturen bemitleidet – belegt sechs Plätze unter den zehn rentabelsten Unternehmen im Gemeinsamen Markt (siehe Tabelle II).