Die Debatte über den Paragraphen 218, um den es nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes zunächst still geworden war, ist in den letzten Wochen und Monaten neu aufgeflammt. In Bayern formierte sich eine "Aktion 218", in Baden-Württemberg gab es Proteste, in Frankfurt hat sogar ein Theaterplakat, das für ein Anti-218-Stück wirbt, den Gesamtverband der katholischen Kirchengemeinden zu einer Strafanzeige veranlaßt. Bundesfamilienministerin Antje Huber erklärte soeben vor dem Bundesrat: "Mit Sorge beobachtet die Bundesregierung Bestrebungen, die Verwirklichung der Reform des Paragraphen 218 in manchen Regionen zu boykottieren."

Die ersten Zahlen liegen inzwischen auf dem Tisch: Seitdem das neue Gesetz am 21. Juni 1976 in Kraft getreten ist, sind in der zweiten Hälfte des Jahres 1976 in der Bundesrepublik 13 044 Schwangerschaften legal abgebrochen worden, fast die Hälfte davon auf Grund der neu eingefügten Notlagenindikation.

Gerade hier freilich gibt es immer wieder Schwierigkeiten; sie haben ihre Wurzel nur zum Teil in der unterschiedlichen moralischen Bewertung – hierüber wird der Streit sicherlich noch lange weitergehen. Weitere Gründe für Probleme bei der Anwendung des Paragraphen 218 ergeben sich jetzt in der Praxis.

Eine Abtreibung auf Grund der Notlagenindikation ist unter drei Voraussetzungen möglich:

  • Es muß eine Beratung über alle möglichen Hilfen für Mutter und Kind stattfinden. Zur Beratung befugt ist entweder ein sachkundiger Arzt oder eine anerkannte Beratungsstelle,
  • Ein Arzt muß die Schwangere "über die ärztlich bedeutsamen Gesichtspunkte beraten", er muß sich von ihrer schweren Notlage überzeugen und die soziale Notlagenindikation schriftlich bestätigen.
  • Ein anderer Arzt muß bereit sein, die Abtreibung in einer Klinik vorzunehmen.

Es wäre zwar möglich, daß ein einziger Arzt soziale und medizinische Beratung übernimmt und auch die Notlagenindikation bestätigt, jedoch geschieht das selten. Die soziale Beratung erfordert besondere Sachkunde in einem nichtmedizinischen Gebiet, für das ein Arzt normalerweise nicht ausgebildet ist. Die soziale Beratung ist außerdem zeitraubend, und sie kann nicht mit den Krankenkassen abgerechnet werden. In der Praxis schickt der Arzt die Patientin daher meist in eine Beratungsstelle.

Die Organisation dieser Beratungsstellen fällt in die Zuständigkeit der Länder, die (zunächst meist provisorische) Regelungen getroffen haben. Hier gibt es regional erhebliche Unterschiede. In Bayern beispielsweise gibt es neben den Gesundheitsämtern 18 Modellberatungsstellen, an die mehr als zwei Drittel aller ratsuchenden Frauen sich wenden. Davon sind nur drei nicht konfessionell gebunden, elf werden von katholischen, vier von evangelischen Trägern betrieben. Während in Hamburg und Hessen die Pro familia zu den wichtigsten Trägern der Beratung gehört, hat Bayern nur eine einzige Pro familia-Beratungsstelle (in Augsburg) anerkannt.