Der Autor ist Mathematiker und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kranken-Versicherungs-AG, der größten privaten Krankenversicherung der Bundesrepublik.

Gegner und Befürworter neigen bisweilen zur Überspitzung ihrer Argumente. "Nun sollen", so jammern die einen, "die ohnedies schon so hoch belasteten Versicherten alle Fehler der Gesundheitspolitik ausbaden." In den Argumenten der anderen klingt mitunter die naive Vorstellung an, allein an der Selbstbeteiligung der Versicherten an den Kosten ihres Gesundheitsschutzes könne das marode System der gesetzlichen Krankenversicherung genesen. Alles oder nichts – die Fragestellung ist, auf beiden Seiten, falsch.

Die Krankenversicherung ist aus vielerlei Gründen in eine finanzielle Schieflage vielerlei Die Selbstbeteiligung der Patienten kann geraten, Die Allheilmittel sein. Doch ohne Selbstbeteiligung dürfte eine nachhaltige Reform der Krankenversicherung nicht gelingen. Denn einer der entscheidenden Gründe für die Fehlentwicklung in diesem Bereich der sozialen Sicherung ist der Mentalitätswandel bei den Patienten, der maßgeblich durch die langjährige sozialpolitische Tendenz zur Rundum-Versorgung bewirkt worden ist: Man fühlt sich zunächst nicht persönlich verantwortlich für die Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit, sondern man meldet erst einmal "Reparaturansprüche" an das vom anonymen Kollektiv getragene und finanzierte System an. Man erwartet Höchstleistungen ohne eigenes Dazutun: "Es steht mir ja zu."

Für den einzelnen Versicherten besteht keine Kostentransparenz; ebenso hat er vom Leistungs-Preis-Mechanismus in der Sozialversicherung zumeist keine konkreten Vorstellungen. Also verspürt er auch nur wenig Antrieb, selbst die Kosten gering zu halten. Im Gegenteil: Seine Ansprüche wachsen, je schneller er die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen an seinen Versicherungsbeiträgen ablesen kann. In der modernen Versicherungswissenschaft nennt man dies das "moralische Risiko".

Das ist ein Teufelskreis. Er läßt sich nur durchbrechen, wenn die Patienten und Verbraucher die Ursachen und Auswirkungen der Kostensteigerung erkennen und daran interessiert werden, unnötige Ausgaben zu vermeiden.

An dieser Stelle pflegen die Gegner der Selbstbeteiligung aufzuhorchen: Die "unnötigen" Kosten und Behandlungen seien gar nicht so umfangreich; größer sei hingegen die Gefahr, daß bei einer Selbstbeteiligung notwendige Behandlungen unterblieben. Tatsächlich aber muß es eine Menge unnötiger Kosten geben, auch wenn sie nicht exakt nachweisbar sind. So sind in der gesetzlichen Krankenversicherung während der letzten zehn Jahre die Zahl der abgerechneten Krankenscheine pro Mitglied und Jahr um rund dreißig Prozent und die Einweisungshäufigkeit ins Krankenhaus um rund 35 Prozent gestiegen.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß unser Volk in dieser kurzen Zeitspanne um so viel kränker geworden sein soll. Ich halte es aber auch für unwahrscheinlich, daß es durch die erheblich häufigeren Behandlungen in dieser Zeit um so viel gesünder geworden ist. Der Schluß liegt nahe: Es gibt eine erhebliche Grauzone des medizinisch nicht Notwendigen.