"Psychotherapie – Kritischer Führer durch Theorien und Praktiken", von Thomas Kiernan. Daß Kiernan von der Sache nichts hält, hindert ihn nicht, sie auszuschlachten; sein Buch ist eine freche Blüte des Psycho-Booms, den es schnoddrig verspottet. Neurosen sind ihm ein Schnupfen der Psyche; unbehandelt heilt er in 60 bis 70 Prozent der Fälle von selbst, Therapie hilft in der Hälfte der Fälle. Ein "kritischer Führer" könnte nützlich sein; dazu brauchte es verläßliche Information, ordnende Übersicht, sorgsam wägendes Urteil und einen Blick für das Wesentliche. Kiernan, der über 60 Therapeuten und gut 200 Patienten interviewt und einige Therapeuten ausprobiert zu haben behauptet, liefert ein Gemisch aus Halbwahrheiten und Unsinn. Die Originalausgabe trägt den Titel "Shrinks etc"; "shrink" ist ein amerikanisches Spottwort für Psychoanalytiker. War da ein Schalk am Werk? Aber wie ernst nimmt der Fischer Verlag seinen Ruf (und sein Publikum)? Dem Lektor eines Hauses, das auch Sigmund Freud verlegt, hätten bei der Durchsicht des Manuskriptes pausenlos die Ohren klingeln müssen. (Aus dem Amerikanischen von Margaret Carroux; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1976; 352 S., 26,– DM.) Hans Krieger

"Psychoanalytische Neurosenlehre", von Otto Fenichel. Otto Fenichel, 1897 in Wien geboren, Freud-Schüler der zweiten Generation, der (am Berliner Institut, bis zur Emigration 1933) schon früh selber Lehrer wurde, in jungen Jahren engagierter Sozialist und vorübergehend Wilhelm Reich recht nahe, zu dessen Verleumdern er später zählte, gehört nicht zu den schöpferischen Köpfen der Psychoanalyse, die einen originellen eigenen Beitrag leisteten; seine Stärke lag im raschen Assimilieren, im enzyklopädischen Überblick, nicht von ungefähr nannte man ihn gern den "Polyhistor" der Psychoanalyse. Seine "Psychoanalytische Neurosenlehre", 1945 in den USA erstmals erschienen und seitdem ein Standardwerk von erheblichem Gewicht in der Analytikerausbildung, faßt den damaligen Wissensstand der orthodoxen Psychoanalyse übersichtlich und gründlich Zusammen – ein Handbuch, das auch nach 30 Jahren nicht veraltet ist und noch immer eine ausgezeichnete Einführung in die psychoanalytische Theorie der Neurosenentstehung und Neurosentherapie gibt. Im Zuge der Wiederentdeckung der psychoanalytischen "Klassiker" erscheint es nun erstmals in deutscher Sprache. (Walter Verlag, Olten/Freiburg, Bd. I (1975): 388 S., 49,– DM; Bd. II (1976): 361 S., 56,– DM; Bd. III (1977): 272 S., 49,– DM; zusammen: 158,–DM.) Hans Krieger

"Versuch, eine Morphologie der Musik zu begründen – Mit einer Einleitung über Goethes Tonlehre", von Ernst-Jürgen Dreyer. Versteckt in einer jener Reihen, in denen sich der Forschungsschutt der Seminare ablagert, begraben leider zum Teil auch unter einer etwas spröden und nicht leicht zu entschlüsselnden Darstellungsform, findet sich ein Werk, das für die Musikwissenschaft Epoche machen könnte, sie, was die Theorien über das Werden ihres Gegenstandes angeht, eigentlich vom Kopf auf die Füße stellt und zugleich den am meisten mißachteten aller Goethe-Texte, seine Tonlehre, rehabilitiert. Das Problem ist nicht leicht zu erkennen; deutlich wird es angesichts der abenteuerlichen Umwege, auf denen die Wissenschaft sich das Werden des Tonsystems zurechtlegt – sei es, daß sie Musik aus Nichtmusik, dem Ruf oder der Tierstimmen-Imitation, abzuleiten versucht, sei es, daß sie dem Gesang die Töne erst aus der abstrakten Konstruktion des Quinten-Zirkels gewinnt oder sich schlicht auf die Willkür der Konvention verläßt. Bei Goethe nun findet der Autor, ein Außenseiter der Zunft, aber promovierter Musikwissenschaftler, einen Schlüssel, der, wie sich dem geduldigen Leser nach und nach erweist, vieles aufschließt: Ein Entwicklungsprozeß wird begreifbar als naturgesetzliches Wachstum, das aus einem räumlichen kleinsten und zeitlich frühesten Keim in wiederholten Zellteilungen die ganze differenzierte Vielfalt des Tonsystems hervortreibt. Reiches Beispielmaterial aus vielen Kulturen stützt die Abteilung, der der einleitende Teil über die Tonlehre Goethes das erkenntnistheoretische Fundament liefert. (Bouvier Verlag Hermann Grundmann, Bonn, 1976; 275 S., 55,– DM.) Hans Krieger

"Die DDR – Eine Einführung in das politische und wirtschaftliche System – Materialsammlung für die Sekundarstufe V, herausgegeben von Hans Endlich. Die DDR hat, wie die Bundesrepublik, eine fast dreißigjährige Geschichte hinter sich – mehr als Weimarer Republik und Drittes Reich zusammen. Dennoch ist sie in westdeutschen Schulbüchern ein von allen Seiten getretenes Stiefkind geblieben. In der Zeit des Kalten Krieges mußte sie zu allem, was die Bundesrepublik menschenwürdig erscheinen läßt, als Negativfolie herhalten: Demokratie hier, Diktatur dort, Marktwirtschaft hüben, Planwirtschaft drüben. Anfang der 70er Jahre wurde dieses Klischee in einigen Lehrbüchern umgestülpt: Kritik an der "heilen" kapitalistischen Welt verband sich mit unkritischer Einstellung zur DDR. Die bisherigen Fehler der Schulbuchautoren vermeidet Hans Endlichs Materialsammlung. Er dokumentiert Entspannung und Entwicklung der DDR in kontrovers ausgewählten Texten, die Ulbricht und Stalin, Grotewohl und Lenin ebenso zu Wort kommen lassen wie Havemann, Djilas oder Biermann. So können die Schüler die Vorstellungen deutscher Kommunisten kennenlernen und mit den Argumenten kritischer Sozialisten vergleichen. Dabei bleibt viel Spielraum für die eigene Meinungsbildung. (Verlag Erziehung und Wissenschaft, Hamburg, 1976; 62 S., 5,80 DM.)

Karlheinz Lutzmann