Berlin: "Kenneth Snelson"

Ein Grenzfall zwischen Kunst und Naturwissenschaft: so hat man den amerikanischen Bildhauer seit seinem ersten spektakulären Auftritt, als er 1963 sein Atommodell vorführte, klassifiziert Kenneth Snelson ist wahrscheinlich der einzige Künstler, der die Quantentheorie studiert und verstanden hat, und jedenfalls der erste, der versucht hat, sie zu visualisieren. Das Atommodell, das in jeder, jetzt auch in der Berliner Snelson-Retrospektive zu sehen ist, soll deutlich machen, "wie bewegte Elektronen oder Elektronenwellen eine feste Struktur um den Atomkern aufbauen". Seitdem hat Snelson die wissenschaftlich-physikalische Basis seiner Arbeit nicht ausdrücklich aufgegeben; aber die Plastik ist autonom geworden gegenüber den Intentionen ihres Autors. "New Dimension", eine gewaltige Skulptur von etwa fünfzehn Metern Seitenlänge, die er in der Halle der Nationalgalerie errichtet hat, ein System aus blanken Stahlröhren, die durch Eisendrähte verbunden und im Gleichgewicht gehalten werden, stellt kein Weltraummodell dar, an dem der Betrachter die Spannungskräfte des Universums studieren könnte. Diese freischwebende Plastik ist ein primär ästhetisches, kein physikalisches Ereignis; sie demonstriert eine Ordnung, einen großen formalen Zusammenhang, in dem gegensätzliche Kräfte und Energien, Zug und Druck, Last und Spannung zum Ausgleich kommen. Ob Snelsons Skulpturen Innenwelt oder Außenwelt zur Anschauung bringen, ob sie psychologisch oder kosmologisch verstanden werden, ob sie an technische Apparaturen denken lassen, an Funktürme, Masten, Schiffstakelagen oder ob sie, wenn sie auf Spielplätzen stehen, als Kletterplastik dienen, ist ziemlich unwichtig. (Nationalgalerie bis zum 8. Mai)

Gottfried Sello

Bremen: "Bernhard Hoetger"

Nur das Frühwerk ist ausgestellt, ungefähr sechzig Skulpturen aus den Pariser Jahren 1900 bis 1910: ein grandioser Anfang, überwältigend durch das Tempo einer sich überstürzenden Entwicklung, die zu immer neuen, sich widerstreitenden Lösungen drängt In diesem abenteuerlich weiten, widersprüchlichen Werk ist in nuce die gesamte deutsche Plastik des ersten und der folgenden Jahrzehnte unseres Jahrhunderts enthalten. Die Blindengruppe, mit der Hoetger 1901 in Paris debütiert hatte, ist stürmisch, ekstatisch, aufgerissen, ausgehöhlt wie irgendeine Figur von Barlach (der wahrscheinlich Hoetgers Arbeiten gesehen hat), einige seiner überlangen meditierenden Jünglingsfiguren nehmen Lehmbruck voraus (der in Paris mit Hoetger Kontakt hatte). Seine Bettler und Vagabunden wiederum, die Rilke im Malte Laurids Brigge nachgezeichnet hat, die Arbeiter und Kohlenträger begründen mit ihrem Pathos, der Detailfreude eine sozial realistische Tradition. Aber schon hatte er sich, 1906, zur großen monumentalen Form entschlossen; Paula Modersohn-Becker bewundert seine neuen "ganz strengen Sachen". Der "Darmstädter Torso" von 1909 ist exemplarisch für eine am Klassischen orientierte Plastik, er hatte ihm dann die Berufung nach Darmstadt eingebracht. Seine Reliefs und Figuren für den Platanenhain auf der Mathildenhöhe gelten als das bedeutendste Werk der Jugendstilplastik. Aber es ist entschieden zu eng, zu einseitig, Hoetger ausschließlich für den Jugendstil in Anspruch zu nehmen; in der Bremer Ausstellung lernt man Hoetger, den jungen Hoetger anders und richtiger zu sehen. (Graphisches Kabinett Wolfgang Werner bis zum 14. Mai, Katalog 15 Mark)

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen: