Lord Jellicoe, nach seinen eigenen Worten "seit zwei Jahrzehnten ein eifriger Anhänger der Europäischen Gemeinschaft", liegt mit Brüssel im Streit. Als Mitglied des Oberhauses hatte Jellicoe stets versucht, den ehrwürdigen Lords den Beitritt Großbritanniens zur Gemeinschaft schmackhaft zu machen. Als Angehöriger der Rekrutierungskommission hatte er selbst dafür gesorgt, daß möglichst hochkarätige Briten für die Euro-Bürokratie in Brüssel angeworben wurden. Doch als Geschäftsmann sieht sich der Lord jetzt von der EG getäuscht.

Lord Jellicoe ist nämlich Vorsitzender der Tunnel Refineries Ltd. in Greenwich bei London. Und diese Gesellschaft muß demnächst wohl acht Millionen Pfund Sterling in den Schornstein schreiben, die in den letzten zwei Jahren in Produktionsanlagen für Isoglukose investiert worden sind, einem Süßstoff, der Vor allem für Getränke und Backwaren verwendet wird, dessen Einsatz der Europäische Ministerrat im Interesse der Zuckerrübenbauern aber verhindern möchte. Schon vor einem Jahr hatte der EG-Ministerrat durch die Streichung von Subventionen die Ausgangsstoffe für die Herstellung Isoglukose verteuert. Durch eine zusätzliche Produktionsabgabe soll die süße Gefahr für Europas Rübenbauern jetzt endgültig gebannt werden.

Lord Jellicoe nach einer Demarche bei den EG-Kommissaren Gundelach (Landwirtschaft) und Davignon (Industrie): "Wir haben unsere Investitionsentscheidung vor zwei Jahren im guten Glauben auf das Fortbestehen des Systems getroffen." Wie die Manager der Tunnel-Raffinerie die im Mai ihre Produktion mit 35 000 Tonnen Jahreskapazität anlaufen lassen wollten, sehen sich auch andere Unternehmen, die mit dem neuen Süßstoff auf den Markt drängten, von den Eurokraten um die Früchte ihres Innovationseifers betrogen – darunter die Firma Amylum in Aalst (Belgien), die für zwölf Millionen Dollar ein Werk für jährlich 120 000 Tonnen Isoglukose errichtete.

Der Stoff, der der Rübenindustrie und Brüssels Agrarakrobaten so bitter aufstieß, ist ein Sirup mit hohem Fruchtzuckergehalt, der aus Mais- oder Weizenstärke gewonnen wird. Seine Süßkraft entspricht der des eigentlichen Zuckers (Saccharose) und kann ihn im Verhältnis eins zu eins ersetzen. Die Verarbeitungsindustrie – Keksbäckereien und Limonadenhersteller – verwenden dennoch lieber Maissirup als Rübenzucker, weil Isoglukose um 15 Prozent billiger ist.

In den USA haben die Isoglukose-Produzenten bereits einen Marktanteil von rund zwanzig Prozent errungen. In der EG wurden 1976 erst 70 000 Tonnen produziert – in der Hauptsache von Amylum-Belgien. Gemessen an den 9,5 Millionen Tonnen Zucker, die jährlich in der EG verbraucht werden, hat der neue Süßstoff nur einen Marktanteil von weniger als einem Prozent. Über die künftigen Produktionskapazitäten gibt es unterschiedliche Angaben. Während Tunnel-Chairman Lord Jellicoe von 154 000 Tonnen im Jahre 1978 spricht, schätzt die EG-Kommission die Produktion bereits zum Ende dieses Jahres auf 400 000 Tonnen.

Selbst wenn das Understatement seiner Lordschaft sich als wirklichkeitsnäher erweisen sollte, haben die Eurokraten aus ihrer Sicht Grund, die klebrige Konkurrenzmasse zu fürchten. Der Gemeinschaft droht nämlich nach dem Rindfleischberg, dem Weinsee, dem Butterberg und den Milchpulverhalden ein ähnliches Überschußdebakel bei Zucker. Unter dem Schutz der Preis- und Quotenregelung der gemeinsamen Zuckermarktordnung wurden Europas Zuckerrübenäcker in den vergangenen Jahren um gut 26 Prozent ausgeweitet. Voraussichtlicher Ernte-Überschuß in diesem Jahr: Rund zwei Millionen Tonnen. Nicht berücksichtigt sind dabei die 1,2 Millionen Tonnen Zucker, zu deren Einfuhr die EG sich gegenüber den assoziierten Entwicklungsländern verpflichtet hat. Die Kostenlawine; die dadurch ausgelöst wird, hat wahrhaft europäisches Format: Etwa vier Milliarden Mark bis 1980.

Jede Tonne Zucker zusätzlich, auf der die EG durch den Vormarsch des Substitutionsprodukts Isoglukose sitzen bleibt, belastet die gemeinsame Brüsseler Bauernkasse mit weiteren 658 Mark. So viel muß die EG zuzahlen, um den Überschußzucker auf den niedrigeren Weltmarktpreis herunterzusubventionieren und exportfähig zu machen. Das wären schon auf Grund der jetzigen Isoglukoseproduktion allein bis Ende dieses Jahres 220 Millionen Mark.