Von Wolfgang Boller

Mustapha steigt jetzt wieder täglich zum Burgberg von Alanya hinauf und wartet auf den, der heuer den ersten Stein wirft. Der Alte verkauft Steine. In der Vorsaison verlangt er für das Stück etwa fünf Pfennig, mit zunehmender Nachfrage steigt der Preis bis zum Dreifachen. Mustaphas Steine sind nun keineswegs erlesene Exemplare, sondern gewöhnliche Kiesel, wie man sie überall findet, und da es zum Preis für drei oder vier Steine hierzulande schon ein Täßchen Tee oder Mokka gäbe, sind Mustaphas Steine die teuersten der Türkei.

Erst denken die Leute natürlich nicht im Traum daran, auch nur einen Pfennig für die Steine in Mustaphas Plastiktüte auszugeben. Doch dann sehen sie schnell ein, daß sie keine andere Wahl haben, und kaufen dem Alten, auf dessen zerknitterten Zügen Menschenkenntnis und gutmütiger Spott wetterleuchten, mit Gefühlen der Bewunderung seinen wertlosen Schutt zum verlangten Preis ab. Denn auf dem Plateau gibt es sonst keine passenden Steine. Sie sind entweder zu groß oder zu klein oder in die Erde eingebacken. Jeder aber, der heraufkommt, will Steine werfen.

In der Vergangenheit entschied der Steinwurf über Leben und Tod. Der Seldschukensultan Alaeddin Keykubat gewährte Andersdenkenden eine fragwürdige letzte Gunst. Ehe er sie von der Felsenspitze in den Abgrund stoßen ließ, hatten sie die Chance, mit einem glücklichen Steinwurf ihr Leben zu retten. Fiel der Stein ins Meer, das in der Tiefe wie ein Silberspiegel glänzt, so wurden sie begnadigt, traf er das Ufer, war ihr Schicksal besiegelt.

Alanya am Golf von Antalya löst die Verheißungen der Reiseprospekte mit rustikalem Naturburschencharme ein. Der Marktflecken mit seinen verwirrenden Gerüchen nach Salzwasser, Fisch und gebratenem Hammelfleisch ist noch ein Ferienort im Rohzustand, wie vor einem halben Dutzend Jahren, als einer auf der Durchreise abends plötzlich das Meer hörte und sich beim Wirt nach einem Nachtlager erkundigte.

"Komfortabel ist es noch nicht in Alanya", sagt Taner Bey, der Chef der Reiseagentur Skorpion, und läßt dahingestellt, von welchen Vollkommenheiten an organisierte Bequemlichkeit für Touristen als überflüssig und sogar gefährlich zu erachten sei. Und dies ist in der Tat nicht nur eine Bedrohung für Alanya, sondern für den Frieden und die Originalität des ganzen Küstenlandes mit dem neu aufgelesenen touristischen Bewußtsein.

Am öffentlichen Strand von Alanya stehen noch die ramponierten Umkleidekabinen mit den windschiefen Brettertüren, und der Zierweiher im kleinen Erholungspark ist ein verkleideter Feuerwehrteich. Noch guckt man sich von der Aussichtsterrasse des Sultans die Augen aus, um an den Sandufern die verstreut liegenden Ferienherbergen zu erspähen. Es gibt im und beim Ort etwa 15 Hotels und Pensionen mit rund 1500 Betten (in Zimmern mit Bad oder Dusche). In der Saison lockt Alanya annähernd 50 000 Urlaubsgäste an (zirka 30 Prozent Westdeutsche). Für die Fremden gibt es ein paar Antiquitätengeschäfte, Hosenschneider, Taxibuden, eine Diskothek mit Nepp-Preisen und mehrsprachige Speisekarten. Der Badestrand wird saubergehalten, ein Sprengwagen begießt in der Morgenfrühe die staubigen Straßen. Doch der Ort selbst mit 18 500 Einwohnern, Fischmärkten, Gebetsrufen und Dreiklanghörnern lebt, ohne sich stören zu lassen, sein einfältiges, frommes, provinzielles Alltagsleben und läßt die Fremden’wie Freunde an seinen Mahlzeiten und seinem Müßiggang teilnehmen. Und dies alles soll sich nicht ändern, jedenfalls nicht durch den Tourismus.