Der Mann war so zart, er mußte sich einen Schutzpanzer anessen, antrinken. Wie wäre sonst einer, zum Kind geboren, in das für Binder biblische. Alter von achtundvierzig Jahren gekommen?

An diesem schweren Mann war alles leicht: seine Rede und sein Gang, seine Gesten und seine Hand, seine Verse und sein Gesang. Nur eines wurde diesem geborenen Melancholiker schwer: das Leben. Er litt an der Kälte unserer Welt; aber da er aus Berlin stammte, ließ er es die anderen nicht merken, schrieb lieber (vermeintlich) Lustiges, versteckte seinen Schmerz hinter einem Kalauer, steckte die Nase in den Krug oder bestellte (wie sein Lektor Michael Krüger erzählt) sechzehn Bratwürste, nicht ohne die entgeisterte Kellnerin zu trösten: "Ich esse sie natürlich nur aus Hochachtung vor Ihrer exzellenten Bratkunst."

Er ist ein Kind geblieben, gerade weil sie ihn so rasch zum Mann machen wollten und als Flakhelfer in den Krieg schickten. Als er mit siebzehn wieder nach Berlin kam, wußte er, was Kamp: und Tod und Kriegsgefangenschaft bedeuten. Er konnte es nie vergessen. Das Staunen – und das Entsetzen – eines Kindes vor dem Leben bestimmten alles, was er seither tat, als Hilfsarbeiter oder Zirkus-Clown, als "Schulhelfer" oder Bergmann, als Holzschneider und Graphiker, als Dichter, Fabulierer, Herausgeber. Auch wenn er sich manchen etwas schalen Scherz nicht versagt hat, tut ihm Unrecht, wer Günter Bruno Fuchs als Troubadour der Trinker, als Dichter der Destille feiert, nur weil einige Titel seiner Bücher dies vermuten lassen könnten, von den "Trinkermeditationen" (1962) über "Pennergesang" (1965) bis zu "Herrn Eules Kreuzberger Kneipentraum" (1966).

Dieses melancholische Weltkind war ein solider, fleißiger Handwerker: gestochen klar und schön die Züge seiner handschriftlichen Briefe, skurril hintergründig die schwarz-weißen Linien seiner Holzschnitte, voll zärtlicher Trauer die Gedichte und die (meistens in schlichten Hauptsätzen erzählten) ganz realistischen, zugleich ganz phantastischen Geschichten. Dreißig Bücher in fünfundzwanzig Arbeitsjahren, dazu Mitbegründer von Galerien ("Zinke") und Werkstätten ("Rixdorfer Drucke"), Herausgeber von Anthologien ("Die Meisengeige") undZeitschriften ("Telegramme", "Visum"): ein großes Tagewerk, schwer einzuordnen in die Geschichte der zeitgenössischen Literatur – so schwer, daß die Damen und Herren unserer literarischen Gesellschaft, die Preise vergeben können, sich am Werk eines Träumers aus Trauer vorbeigedrückt haben, obwohl er Anerkennung und Hilfe mehr verdient (und gebraucht) hätte, als manch ein Poetaster, dem man den Schreibtisch-Sessel mit dicken Preisen polstert.

Jetzt ist es zu spät. In der Nacht vom 19. April ist dieser Schwerarbeiter mit der leichten Hand in seiner Arbeitswohnung in Wilmersdorf zusammengebrochen und an einem Blutsturz gestorben. Bis zuletzt hat er an einem Lyrikband gearbeitet, der – wie alle Werke von Fuchs – bei Hanser erscheinen wird (Frühjahr 1978). Aus dem nachgelassenen Konvolut veröffentlicht DIE ZEIT zum erstenmal zwei Gedichte, zusammen mit einem poetischen Nachruf des in Hamburg lebenden Lyrikers Christoph Derschau. Rolf Michaelis Günter Bruno Fuchs

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