Von Rolf Henkel

Plötzlich ist er wieder gefragt, der Tatort. Da fährt in der Abenddämmerung ein Kombiwagen auf den düsteren Parkplatz neben der Brauereihochschule Weihenstephan auf einem Hügel über der bayerischen Domstadt Freising. Da springen maskierte "Gangster" auf einen Mann zu, der eben in einen unscheinbaren Mittelklassewagen einsteigen will. Und schließlich zerren die vermeintlichen Kidnapper ihr Opfer in eine große Holzkiste – das einzige Original bei dieser Kopie des makabersten unaufgeklärten Verbrechens der letzten Zeit.

Denn die Akteure dieser Wiederholung in der Abendstunde sind samt und sonders Polizisten – Beamte der neuen Sonderkommission, die die Entführung des Industriellensohnes Richard Oetker gut vier Monate danach "vom Tatort her" noch einmal aufrollt.

Nachdem Bayerns Innenminister Bruno Merk vor kurzem der emsigen, aber erfolglosen Oetker-Fahndungsgruppe des Münchener Polizeipräsidiums in einer spektakulären Entscheidung den Fall entzogen und einem neuen Spezialistenteam beim Landeskriminalamt (LKA) übertragen hatte, nutzen die unter Erfolgszwang stehenden frischen Fahnder nun jede Möglichkeit, nicht nur die Kidnapper zu fangen, sondern auch das mit 21 Millionen Mark bisher höchste Lösegeld der bundesdeutschen Kriminalgeschichte wieder zu beschaffen.

"Wir sind nicht ohne Chance", meint Kripochef Helmut Trometer, der in seiner neuen Sonderkommission "bewährte und erfahrene Ermittlungsbeamte" aus ganz Bayern zusammenzog, "die auf dem Gebiet der Nachbearbeitung nachweislich schon gute Erfolge gehabt haben". Denn "Nachbearbeitung" heißt die Zauberformel, mit der Bayerns Polizisten den glücklosen und – zumindest an der Spitze – auch ungeschickten Münchner Kollegen endlich einmal vorführen wollen, wie spektakuläre Fälle gelöst werden können.

Dazu holte Trometer auch den Kripochef aus Landshut, Theo Sommer, nach München, dem, seit es ihm gelang, mehrere Mordfälle noch Jahrzehnte nach der Tat aufzuklären, der Ruf vorauseilt, "der Sommer bringt es an den Tag".

Ein knappes Hundert neuer Hinweise erhielt die Sonderkommission bereits von der noch immer auf 430 000 Mark Belohnung hoffenden Bevölkerung als Einstandsgeschenk, weitere 1600 Tips warten in den 60 von der ersten Fahndergruppe überlieferten Leitz-Ordnern auf die erneute Sichtung durch vorerst 32 Beamte, die auch die Wochenenden für die Lektüre von Protokollen opfern. "Es muß lange und mühsame Kleinarbeit geleistet werden", sagt Trometer.