Von Hansjakob Stehle

Draußen vor der Klinik San Camillo wachen noch immer die wackeren Kämpferinnen der Frauenbewegung, um das Opfer männlicher Gewalttätigkeit zu schützen und – zu nutzen. Drinnen liegt sie, die 18jährige Claudia Caputi, von körperlichen Verletzungen fast genesen, doch seelisch nun auch verwirrt durch die öffentliche Rolle, die sie zu übernehmen hat: Symbol zu sein, lebendige Anklage gegen eine Männergesellschaft, auf die Italiens Feministinnen gleichwohl – wenn auch nur negativ – fixiert bleiben. Freilich nicht so negativ, daß ihnen auch das milde Urteil des römischen Gerichts gegen Claudias Peiniger einen Entrüstungsschrei entlockt hätte: Drei dieser Strolche sind mit vier, drei und zwei Jahren Gefängnis davongekommen-, vier weitere sogar auf freien Fuß gesetzt – "mit Bewährung"- (die bei einem so aussah, daß er Tage später schon als – vergleichsweise harmloser – Autodieb ertappt werden konnte).

Dabei bildeten die Sieben, die sich vor Gericht zu verantworten hatten, nur die knappe Hälfte der Bande, die Claudia Caputi gemeinsam vergewaltigt hatte: sechzehnmal am 30. August letzten Jahres, viermal am 30. März 1977, während der Prozeß schon im Gange war. "Warum rief das Mädchen nicht die Polizei, als es bemerkte, daß ihm dieselben Burschen vor einer Kaffeebar im Stadtzentrum Roms auflauerten? Warum begab sie sich zum zweitenmal in ihre Hand?" so fragte eine Zeitung. Und der Staatsanwalt verdächtigte sie schließlich sogar, daß sie sich freiwillig die Schnittwunden auf Brust und Beinen beibringen ließ. Überhaupt hatte der Prozeß, begleitet von Protestkundgebungen einiger tausend zorniger Frauen, seltsame Formen angenommen. Waren am Ende nicht die Täter schuldig, sondern das Opfer?

"Mein Mandant wollte nicht impotent erscheinen, auch nicht moralisch, er fragte um Erlaubnis. Gewiß, er konnte sich der Versuchung nicht entziehen, als er das nackte Mädchen am Boden liegen sah. Aber, meine Herren Richter, wenn Krieg ist, dann schießen die Gewehre von selbst ...", so das Schlußplädoyer eines der Verteidiger, an dem das Gericht nichts als "schlechten Geschmack" zu rügen fand. Selbst im Urteilsspruch des Vorsitzenden hörte man noch jene verräterische Verständnisinnigkeit anklingen, die diesen "Fall Claudia" zum italienischen Exempel tief gestörter Beziehungen zwischen den Geschlechtern macht. "Ich möchte die jungen Burschen erinnern", sagte der Richter, "daß diese weibliche Welt, diese so gefährlich anziehende, auch die Welt ihrer Mütter, Schwestern und zukünftigen Gattinnen ist, die wir deshalb respektieren sollen." Nur deshalb?

Sex als das attraktive. Böse, verkörpert durch die Frau und legitimiert nur in zwei Formen: Entweder als "heiliger" Besitz im Familienverband und selbst hier nur als dienstbereite "Mamma" im Gewande der ewig törichten Jungfrau, oder aber als "Hure", der man in jedem Sinne – desto weniger schuldet, je weiter sie davon entfernt ist, eine solche wirklich zu sein. Dieses rüde, zweipolige Schema, das sich in der Männer-Mentalität Italiens länger hält als in anderen Ländern Europas, ist gewiß seit Jahrzehnten erschüttert. Zumal in den Städten Mittel- und Norditaliens hat sich das weibliche Selbstbewußtsein in Familie, Gesellschaft und Politik einen autonomen Raum und Rang schaffen können. Am Arbeitsplatz, im Büro, ja mancherorts auch im Kino, im Café und auf belebter Straße kann sich die Italienerin allein unter Männer begeben, ohne unbedingt belästigt zu werden. Die Frauenbewegung, die in Italien erst spät, aber um so aktiver tätig wurde, hat dazu beigetragen. Doch der Ausbruch eines extremen, oft verzweifelt wirkenden Feminismus in den letzten Jahren signalisiert ebenso wie die zunehmende sexuelle Kriminalität in Italien, daß die Oberfläche einer scheinbaren Normalisierung trügt.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen Norden und Süden, zwischen der untergehenden bäuerlichen Gesellschaft und der unfertigen industriellen, sind nicht geringer, nur ungleichmäßiger geworden. Sie tragen wesentlich dazu bei, daß traditionelle Vorurteile und anachronistische Verhaltensweisen weitergepflegt werden, obendrein in pervertierten Formen. So hätte die Vorgeschichte des Mädchens Claudia auch vor hundert Jahren beginnen können:

Ein Bauer aus einem entlegenen Abruzzendorf gibt seine Tochter, die von der "großen Welt" träumt, an einen – wie er meint – feinen Herrn in der großen Stadt: als kostenlose Haushaltshilfe, die mit dem Signore Tisch und Bett zu. teilen hat. Sie tut es willig, mit ein bißchen Hoffnung. Obwohl der Herr kein armer, einsamer Dorfpfarrer ist, denkt er nicht an Heirat. Er ist "modern", hat die "Stelle" ehrlich ausgeschrieben, er sperrt das 18jährige Mädchen auch nicht ein (wie es, einst als normal galt), und er läßt es auch nicht barfuß gehen. Der "Fortschritt" ist so beträchtlich, daß es für eine bestimmte Sorte von Jünglingen keine Zweifel gibt... von Mamma und Papa belehrt, haben sie gelernt, daß anständige Frauen nicht allein ausgehen, sich nicht ansprechen lassen, überhaupt hochmütig an Männern vorbeischauen, wenn sie nicht sittsam die Augen niederschlagen. Folglich zählt für sie ein Mädchen wie Claudia, das ihnen naiv-neugierig begegnet, zum Freiwild – fast wie ausländische Touristinnen ...