Von Thomas von Randow

Noch Donnerstag voriger Woche versicherte ein Ingenieur der Deutschen Shell auf einer öffentlichen Veranstaltung in Hamburg, ein Blow-out, der Ausbruch von Öl und Gas aus einer Zuleitung, sei auf einer Bohrinsel im Meer "extrem unwahrscheinlich": Sicherheitsventile schlössen sich bei einem Druckabfall automatisch, darum könne ein solcher Unfall nach menschlichem Ermessen nicht eintreten. Doch vierundzwanzig Stunden später trat genau dieser. unwahrscheinliche Unfall ein: auf der Kunstinsel "Bravo" in der künstlichen Ölstadt Ekofisk, mitten in der Nordsee.

Tagelang schossen danach stinkende Fontänen, 170 Tonnen Rohöl in der Stunde, aus einem defekten Rohr. Sie breiteten einen beängstigend wachsenden Ölteppich über die Nordsee aus.

Auf menschliches Ermessen, so zeigt der Fall aufs neue, ist nicht allzuviel Verlaß. Nach menschlichem Ermessen konnte bei einer Reparatur an einem Kernreaktor kein tödlicher, radioaktiver Dampf austreten – in Gundremmingen geschah es dennoch. Nach menschlichem Ermessen war es ausgeschlossen, daß auf Seveso eine Giftwolke niederging – es geschah gleichwohl. Nach menschlichem Ermessen können zwei Jumbos nicht beim Start zusammenprallen – auf Teneriffa passierte es.

Gewiß können wir technische Risiken nicht anders als menschlich ermessen: nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung, mit Mutmaßungen über die Unvollkommenheit der Menschen wie der Unzulänglichkeit der Apparate. Indessen wird die Häufung der Ermessensfehler allmählich bedrückend, Wer mag es einem verdenken, wenn wir jetzt, verängstigt fragen, wie zuverlässig denn wohl Professor Rasmussens Schätzungen über die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit sind, daß ein Reaktorkern niederschmilzt und der berüchtigte GAU – der größte anzunehmende Unfall – sich in einem Kernkraftwerk tatsächlich ereignet? Kann Rasmüssen sich nicht verrechnet haben?

Mit der Technisierung nimmt auch die Verwundbarkeit unserer Zivilisation zu. Diese Einsieht hilft denen wenig, die in Seveso an ihrer Chlor-Akne herumkurieren oder die an der norwegischen Küste um ihren Fischfang bangen. Immerhin ist es nützlich, SA angesichts der Unfälle, die uns in den letzten, Monaten beunruhigt haben, solcher Zwangsläufigkeit zu erinnern. "Man kann seinen Kochen nicht zugleich essen und behaltend, sagt ein englisches Sprichwort. Wir können nicht Energie verprassen, landwirtschaftliche Erträge vervielfachen, nach Herzenslust Auto fahren, die Malaria ausrotten – und zugleich verlangen, daß die Technik, die uns all dieses ermöglicht, völlig frei sei von unerwünschten Nebenwirkungen. Der moderne Hedonismus, der Anspruch auf technologische Egalitat, der Fortschritt haben ihren Preis,

Zu jeder Minute ereignet sich in unserem Jahrhundert ein Unfall, eine kleine oder große Katastrophe. Menschen sterben auf den Straßen, verunglücken am Arbeitsplatz oder im Haushalt, werden von Gangstern mit modernen Waffen erledigt oder von giftigen Industrieabfällen umgebracht.