Zwischen dem Kanzler und einem Teil der sozialdemokratischen Parlamentsmannschaft halten die Spannungen an. In der vergangenen Woche wetterleuchtete es gleich zweimal.

Überrascht und verärgert vernahmen viele SPD-Abgeordnete in der Bundestagsdebatte über die Karlsruher Morde die Bemerkung Helmut Schmidts, er persönlich sei heute noch der Meinung, daß unter bestimmten Voraussetzungen auch der mündliche Verkehr zwischen Häftlingen und ihren Verteidigern überwacht werden müsse. Auch viele Freidemokraten quittierten das Kanzlerbekenntnis mit Unmut. Hier wie dort wurde es um so mehr als Rechthaberei empfunden, als die Koalitionsfraktionen schon in der letzten Legislaturperiode ähnliche Regierungsvorschläge nach langer Diskussion und gestützt auf. den Rat von Fachleuten verworfen hatten.

Der Regierungschef dringt sonst unablässig darauf, daß einmal gefaßte Beschlüsse einmütig nach außen vertreten werden müßten. Da er nun aus der Reihe tanzte, nahm er seiner Rede viel von ihrer internen Wirkung – so sehr sie im übrigen als der mit Abstand beste Debattenbeitrag beurteilt wurde.

*

Aber der Haussegen hing bereits 24 Stunden vorher schief – seit sich die sozialdemokratische Fraktion wegen jener Tagung in die Haare geraten war, auf der Abgesandte der linken Parteigruppen über Zukunftsprobleme des Wirtschaftswachstums und der Energiepolitik diskutiert hatten.

Da auch Schmidt mit einigen, wenngleich mehr stilistischen Anmerkungen in den Chor der Kritiker einstimmte; fühlten sich die Rechten in der Fraktion ermutigt – allen voran der Abgeordnete Peter Reuschenbach –, über die ungeliebten Linken herzuziehen. Die Tagungsteilnehmer sahen sich kurzerhand der "Fraktionierung" geziehen..

Die derart Angeprangerten reagierten nicht zuletzt deshalb besonders bitter, weil sich Schmidt selber kürzlich vor der Fraktion beklagt hatte, daß er vor lauter Tagesfragen kaum noch Zeit zum Nachdenken finde. "Wer sich aber Gedanken macht", so einer der Linken, "wird dann ausgerechnet mit Kanzlerunterstützung von den Reuschenbachs, die durch keinerlei weiterführende Ideen auffallen, abgekanzelt."