Das Glockenläuten als Ruf zum Gottesdienst stammt aus einer Zeit, in der der Normalbürger noch keine Armbanduhr besaß. Das Läuten hatte zudem noch andere wichtige Signalfunktion wie Feueralarm, Versammlung der Dorfbewohner bei Gefahren und sonstigen Warnungen ("Sturm läuten"). Heute ist davon nichts nachgeblieben, und die Leute, die wirklich noch den Gottesdienst besuchen, haben eine derartige Gedächtnisstütze nicht nötig. Es wäre zu überlegen, ob man die armen Menschen, die im Umkreis einer Kirche wohnen, nicht von dieser Tortur erlösen könnte. Edlef Pauly, 19 Jahre

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Das Problem besteht darin, abzuwägen Zwischen der Einstellung eines Teils der Bevölkerung, der das Glockenläuten als ein Ruf zum Gottesdienst versteht, und dem Empfinden eines anderen Teils, für den es eine störende Lärmbelästigung bedeutet. Hierbei, gilt es allerdings zu bedenken, wie unempfindlich wir auf meist viel größeren Lärm reagieren, der wesentlich störender und unharmonischer ist als das Läuten von Kirchenglocken: man denke nur einmal an Geräuschkulissen wie Straßenverkehr oder Radio, die uns doch den lieben langen Tag hindurch begleiten. Aus diesem Grund kann man doch ein bißchen Toleranz erwarten gegenüber den Menschen, denen das Glockenläuten noch etwas zu sagen hat. Birgit Kemmer, 19 Jahre

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Daß sich heute jemand durch Glockengeläut zum Kirchgang aufgefordert fühlt, ist unwahrscheinlich. Wer in die Kirche geht, tut dies aus Überzeugung und braucht nicht das anheimelnde Drumherum des Rituals wie Orgel oder Glocke als Animation. Es wäre also einfach, darauf zu verzichten. Aber eine solche Glocke ist oft ein wertvolles Denkmal, immer eine klingende Erinnerung an eine Zeit, wo sie das wichtigste Massenmedium war. Und auch heute kündigt sie nicht nur den Gottesdienst, sondern auch Hochzeit, Tod und das neue Jahr an. Wer möchte darauf verzichten? Eine Belästigung kann ich im Glockengeläut nicht sehen. Im Lärm der Stadt geht es unter, und auf dem Land ist es eine liebgewordene Tradition, ein Stück heile Welt, Idylle. Schließlich erinnert die Kirchenglocke im bequemen Sonntagmorgentrott daran, daß es noch Menschen gibt die für ihren Glauben mehr Opfer zu bringen bereit sind als den Kirchenbesuch am Heiligabend. Christian Kerl, 16 Jahre

Sicher ist die Frage berechtigt, warum gerade die Kirche als nur eine von vielen Institutionen der pluralistischen Gesellschaft das Recht hat, mit derartigem Getöse zu ihren Veranstaltungen zu rufen. Was geschähe, wenn beispielsweise Parteien und Gewerkschaften mit ähnlicher Lautstärke an ihre Versammlungen erinnern wollten? Auf der anderen Seite gibt es im Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft zweifellos wichtigere Probleme zu lösen als ausgerechnet das des Glockenläutens. Rückte man eine derartige Bagatelle in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, so würde man nur unnötig die Gefühle vieler Gläubiger verletzen und trotzdem an den wesentlichen Problemen vorbeireden.

Karin Kusch, 19 Jahre