Von Jochen Steffen

Der Mann ist gefährlich. Er nimmt die Freiheit des Menschen ganz ernst. Und da kann man nie wissen, was dabei herauskommt. Bei Garaudy weiß man es seit der "Alternative". Ein Sozialismus der Arbeiterselbstverwaltung, "eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist". (Marx/Garaudy). Einer von den schlimmen Freiheitsfanatikern ist dieser Philosophieprofessor. In seiner Schrift

Roger Garaudy: "Das Projekt Hoffnung"; Europaverlag, Wien 1977; 222 S., 28,– DM.

will er durch Analyse der Gegenwart – also Interpretation der Tatsachen – die humane Notwendigkeit seiner Alternative belegen. Etwa: Soll es eine menschliche Zukunft geben, so muß sie – und die Entwicklung – durch die frei vereinigten Menschen in Basisaktionen selber bestimmt werden. Damit müssen die Menschen gegen geistige Gängelung, Technokratie, wachstumsbesessenes Industrie- und Politikmanagement, hierarchische Strukturen in Politik, Gesellschaft und Kultur kämpfen. Diese Basisaktionen und Kämpfe, meint Garaudy, sind das einzige, was sie heute selber frei bestimmen können. Diese letzte Freiheit, wird sie genutzt, ist die Chance, die große Freiheit der menschlichen Selbstbestimmung zu erreichen: Eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Produkte beherrschen.

In der vorliegenden Schrift bedient. Garaudy sich des Mittels der Technologiekritik. Sie ist in der Bundesrepublik in Mode gekommen, wenn sie das eigene Auto nicht in Frage stellt. Gut ist es deshalb, daß in einem Anhang "Dokumente zum Projekt Hoffnung" abgedruckt werden.

Garaudy sagt uns, wie wir nicht weiter leben dürfen. Und er zeigt uns, zum Beispiel bei Rundfunk und Fernsehen, daß die Instrumente der Manipulation in solche der Befreiung und breiter Begegnung der Menschen umgewandelt werden könnten. Was, meiner Meinung nach, Hans Magnus Enzensberger im "Kursbuch" vor Jahren viel besser gelungen ist. Garaudy zeigt auch hier, daß er schon vor seinem Rausschmiß aus der KP Frankreichs (1970) – immerhin war er Mitglied des Politbüros – den Meister Marx "voll drauf hat", wie man so schön sagt. Die alte Gesellschaft entwickelt in ihrem Schoße die Instrumente und Bedingungen, die zu einer neuen Gesellschaft auf der mühsamen Klettertour der Freiheit emporhelfen könnten. Könnten! Tun es die Menschen selber, dann können sie.

Spätestens hier merkt der Leser, daß er mit Garaudy einen von jenen Leuten vor sich hat, die von Bundestagsabgeordneten – der Kenntnis europäischer Geistes- und Ideengeschichte voll – als Feinde von "Ruhe, Recht und Ordnung", wenn nicht gar "des Staates", apostrophiert werden. Die vorwiegend studentischen Anhänger seiner alternativen Entwicklungsrichtung, die ihn meist nicht besser kennen, nennt man "Chaoten". Sie meinen, daß Wachstumspolitik unter den jetzigen humanen und gesellschaftlichen Bedingungen, einen Minussaldo bei Mensch, Arbeit, Gesellschaft und Natur bedeuten müsse; daß wirkliches Wachstum in Zerstörung der Natur, Ausbeutung des Menschen, Verschärfung des Terrors und vermehrter Arbeitslosigkeit stattfände. Genau so einer ist Garaudy.