Die Strategie der Industrieländer auf den bevorstehenden internationalen Wirtschafts- und Währungskonferenzen

Von Rudolf Herlt

In diesen Tagen werden wieder einmal wirtschaftspolitische Weichen gestellt. Nach den Wünschen der Weichensteller aus den Industrieländern soll der Wohlstand auf der nördlichen Halbkugel erhalten, auf der südlichen geschaffen werden. Die Entwicklungsländer hingegen fordern eine Umverteilung des Reichtums zu ihren Gunsten. Bis zur Stunde sind sich beide Seiten noch nicht einig, wie das geschehen soll. Am 28. und 29. April hat der Interims-Ausschuß des Internationalen Währungsfonds darüber beraten. Am 7. und 8. Mai wollen die Staats- und Regierungschefs der fünf größten Industriestaaten zu einem Wirtschaftsgipfel in London zusammenkommen. Vom 30. Mai bis zum 1. Juni wollen Minister aus 27 Industrie-, Entwicklungs- und Ölförderländern den Nord-Süd-Dialog beenden.

Aus dem Blickwinkel der Industrieländer haben alle drei Konferenzen ein gemeinsames Ziel. Das Weltwirtschaftssystem, das den Untergang des Währungssystems, den Ölpreisschock, eine weltweite Inflation und bis jetzt auch die weltweite Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit ohne nennenswerten Schaden überstanden hat, soll in die Lage versetzt werden, auch mit den Bedrohungen unserer Tage fertig zu werden.

Bisher ist nämlich das Herzstück der Weltwirtschaft, die Freiheit des Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs, erhalten geblieben. Niemand kann mit Sicherheit sagen, das dies immer so bleiben wird. Denn dem Lebensnerv der Weltwirtschaft drohen von drei Seiten tödliche Gefahren:

  • Noch haben nicht alle Regierungen begriffen, daß der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ohne stabiles Geld mit einer Niederlage enden muß.
  • Das Spiel mit den Kugeln internationaler Zahlungsmittel droht zum Stillstand zu kommen, weil einigen kleineren europäischen Ländern und einigen größeren Entwicklungsländern die Kugeln ausgehen.
  • Entwicklungsländer, die in den Vereinten Nationen die Mehrheit haben, fordern eine neue Weltwirtschaftsordnung.

Manche Regierungen haben erst spät, manche überhaupt noch nicht erkannt, daß die Arbeitslosigkeit nicht mit mehr Inflation bekämpft werden kann. Länder wie Großbritannien, Italien und Frankreich sind viel zu lange in die falsche Richtung marschiert. Ihre Lage ist ernst. Kein Wunder, daß in den Hauptstädten dieser drei Länder lautstark gefordert wird, die wirtschaftlich starken Länder USA, Japan und die Bundesrepublik sollten eine expansive Wirtschaftspolitik betreiben, damit sie als Lokomotiven auch die schwachen Länder aus der Talsohle ziehen können.