Seit neun Jahren macht eine winzige Schallplattenfirma in München stetig von sich reden; wenn ihr etwas gelingt, was bis dahin als unvorstellbar galt: eine viel beneidete, aber sonst lieber nicht gewagte Mischung aus Spaß und Wagnis und (das beinahe zufällig) Geld-, verdienen. Es ist die Firma ECM, "Edition of Contemporary Music", zu übersetzen etwa als Verlag für zeitgenössische Musik. Ihr Thema sind der Jazz und einige schwer definierbare Grenzgebiete, in die er hinüberreicht.

Die Person dahinter ist Manfred Eicher, ein jetzt dreiunddreißig Jahre alter Musiker. Er hat an der Hochschule für Musik in Berlin sein Examen als Kontrabassist gemacht, dann aber bald mehr Spaß gefunden als Anreger, Anstifter, Entdecker und Vermittler von Musik und von Musikern. Sein Mut, seine Neugier und seine Konsequenz haben sich längst bezahlt gemacht; für das immer noch kleine Unternehmen bieten Riesen-Unternehmen mittlerweile Millionen. Von den bisher gut achtzig Schallplatten sind unverhältnismäßig viele mit hohen internationalen Preisen ausgezeichnet worden; etliche ihrer oft unbekannten Musiker gehören inzwischen zu den gefeierten Stars des Jazz. Wenn Ende April der Deutsche Schallplattenpreis 1977 vergeben wird, wird man ECM unter den Gepriesenen finden.

Natürlich ist immer wieder gefragt worden, wer der Mann sei und was ihm diesen Erfolg eingebracht habe. Thomas Rothschild hat sich darüber mit Manfred Eicher unterhalten.

Die renommierte amerikanische Jazz-Zeitschrift "down beat" hat Sie, Manfred Eicher, in ihrer vielbeachteten Kritiker-Umfrage zum Platten-Produzenten des Jahres 1976 gewählt – vor Norman Granz. Nun kauft der Plattenhörer in der Regel eine Aufnahme wegen des Musikstücks, wegen eines Musikers, eines Interpreten. Die Namen der Produzenten sind den meisten Plattenkunden unbekannt. Worin besteht eigentlich die Leistung des Produzenten, was ist sein Anteil an einer Schallplattenaufnahme?

Manfred Eicher: Ich weiß erst einmal nicht, was der Begriff "Produzent" eigentlich soll. Das ist ein verwaschener Begriff aus dem amerikanischen Big Business; das sind die Leute mit dem großen Geldbeutel. Die sind zu den Regisseuren gelaufen und haben gesagt, "Ja, mach mal einen Film." Ich sehe meine Funktion ganz anders. Studioarbeit ist Teamarbeit, und daher läßt sich die Frage nach dem Urheber wohl nur vor Beginn der Arbeit oder von außen stellen. Im Studio ist diese Frage überhaupt nicht mehr relevant. Was wichtig ist und ein erstaunliches Phänomen: Die Musik wird viel stärker als der Urheber, als der Schöpfer, alles tritt in den Hintergrund, wichtig ist nur noch die Musik. Klänge hörbar machen, Raum hörbar machen, Pausen hörbar machen ist das, was ich mit der Klangregie eigentlich bezwecke.

Sie selbst sind ja noch sehr jung und nicht so schrecklich lang in diesem Beruf tätig. Können Sie erzählen, wie Sie zu dieser Tätigkeit und später zu einer eigenen Plattenfirma kamen.

Manfred Eicher: Ich habe mal Musik studiert – das ist schon lange her – und bin dann mit einigen Jazzgruppen durch die Lande gezogen. Dann kam ein-Angebot, in einem Schallplattengeschäft zu arbeiten – da ging es mir ziemlich’ schlecht –, und ich hab angenommen. Schließlich gründeten wir ECM mit einem Startkapital von sechzehntausend Mark. Vor dieser Zeit arbeitete ich als Produktionsassistent für Firmen, die vornehmlich klassische Musik produzierten.