Am Montag, dem 26. April 1937, dem ersten sonnigen Tag seit langem, läuteten mitten am Nachmittag, etwa um 16.30 Uhr, die dünnen Glocken der erhöht über dem Stadtkern gelegenen, festungsartigen Kirche Santa Maria: Fliegeralarm. Es war ein Markttag mitten im Bürgerkrieg. Die Stadt mit ihren rund 6000 Einwohnern war voll von Bauern und Vieh aus der Umgebung, dem grünen bergigen Küstenstreifen, der Spanien im Norden säumt, voll auch von einigen Tausend Flüchtlingen, Zivilisten und republikanischen Soldaten, denn soeben war die Front 25 Kilometer östlich unter dem Angriff der aufständischen Truppen des in Salamanca residierenden Generals. Franco eingebrochen.

Drei Stunden lang warfen Bomber vom Typ He 111 und Ju 52, in Vitoria und Burgos aufgestiegen, in Dreierketten vom Norden her die Stadt überfliegend, Spreng- und Brandbomben in das etwa 300 mal 300 Meter große Stadtzentrum; zwischendurch schossen Tiefflieger mit MGs auf die umherirrenden oder flüchtenden Menschen in den Straßen. Als das letzte Flugzeug mit dem Einbruch des Abends verschwand, waren siebzig Prozent der Häuser zerstört; zwischen den brennenden Trümmern lag eine nie ermittelte Zahl von Toten – "einige Hundert" wurden am Erde selbst im franquistischen Spanien zugegeben, die baskische Regierung in Bilbao hatte 1937 von 1654 gesprochen.

Ein Augenzeuge beschrieb die Nacht in der brennenden Stadt so: "Die villa ist voll von herzzerreißenden Schreien und Hilferufen ... Es gibt keine wiedererkennbare Straße mehr ... Mehr sterben unter den einstürzenden Mauern, aber es läßt sich nicht verhindern, daß sich Frauen und Männer, die verängstigt von den Feldern zurückkehren, wie wahnsinnig auf die Suche nach ihren Familien machen." So der 21jährige baskische Offizier Joseba Elosegi.

Als Francos Truppen die Stadt drei Tage später fast kampflos besetzten, war sie nur noch ein Trümmerhaufen. Schon eine Reihe von Orten war hier an der spanischen Nordfront von deutschen und italienischen Flugzeugen angegriffen worden, "Terrorangriffe" waren ein Teil der spanisch-deutsch-italienischen Strategie. Zum erstenmal in der Geschichte hatte jedoch ein Luftangriff eine ganze Stadt systematisch ausradiert. "Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll. – Stadt war völlig gesperrt für mindestens 24 Stunden, es war die geschaffene Voraussetzung für einen großen Erfolg, wenn Truppen nur nachgerückt wären. So nur ein voller technischer Erfolg unserer (Spreng- und Brandbomben)", notierte Wolfram Frhr. v. Richthofen in sein Kriegstagebuch, Oberst, Cousin des "Roten Barons", im Zweiten Weltkrieg Feldmarschall und Spezialist für Blitzkriege, Dr.-Ing., Flötenspieler, Jäger, ein durch und durch tüchtiger Demolierungstechniker, nichtohne Sinn für die Reize der von ihm verwüsteten Landschaften und nicht ohne Herz – einem Leichenhaufen bescheinigte er in seinem Tagebuch, "kein erfreulich-ästhetischer Anblick" zu sein. Richthofen war seit Januar 1937 Stabschef der Franco 1936 zu Hilfe geeilten deutschen Legion Condor. Mit dem Luftangriff vom 26. April hatte er eine Epoche eingeleitet, die von Namen wie Rotterdam, Coventry, Dresden, Hiroshima, Nagasaki markiert ist und deren Sirenengeheul der Menschheit immer noch im Nervensystem steckt.

Die Auslandskorrespondenten in Bilbao sorgten dafür, daß die Zerstörung Guernicas ruchbar wurde. Der Publizität half ein Umstand nach, auf den offenbar niemand die Legion Condor vorher hingewiesen hatte: Guernica war nicht irgendein Provinznest, sondern lange Zeit die politische und immer noch die moralische Hauptstadt der Basken, der Ort, an dem ihre heilige Eiche stand, unter der die spanischen Könige seit dem vierzehnten Jahrhundert die fueros, die Sonderrechte des baskischen Volkes beschworen hatten. Hier, unter dem "Baum von Gernika" (so lautet die baskische Schreibweise), später in dem Parlamentsgebäude daneben, der "Casa de Jun-– tas", hatte sich der baskische Landtag versammelt. Die Vernichtung gerade Guernicas war ein Stoß mitten ins demokratische baskische Herz.

Denen, die ihn geführt hatten, wurde er angesichts der weltweiten Empörung schnell peinlich. Die Wahrheit wurde von beiden Seiten, besonders aber von rechts, mit Legenden vernebelt. Salamanca und Berlin verbreiteten die Version, Guernica wäre von den Basken selber (zu "roten Horden" und "Bolschewisten" umgelogen) zerstört worden: mit Dynamit in der Kanalisation und Benzin in den Häusern. Berlin drängte Franco, die Bombardierung offiziell zu dementieren, um so exkulpiert dazustehen. Salamanca aber schickte am 7. Mai nur ein Telegramm, das den Deutschen die Verantwortung teilweise abnahm, im übrigen aber den Luftangriff ausdrücklich bestätigte. In dem damals natürlich geheimgehaltenen Dokument heißt es: "Fronteinheiten forderten direkt von Luftwaffe Bombardierung Straßenknoten, ausgeführt von deutscher und italienischer Luftwaffe, wobei wegen Sichtbehinderung durch Rauch und Staubwolken Fliegerbomben auf Stadt fielen."

Daß die Stadt von deutschen Flugzeugen zerstört wurde und wie der Angriff verlief, ist durch Aberdutzende von Zeugenaussagen inzwischen erhärtet. 1969 und 1970 wurde der Angriff auch in Franco-Spanien offen zugegeben, allerdings in seinen Auswirkungen minimalisiert und ganz den Deutschen in die Schuhe geschoben. Auch Galland gestand ihn ein (und tat ihn als "Irrtum" ab); und unter den aufschlußreichen deutschen Dokumenten ist da vor allem Richthofens Tagebuch. Im übrigen war die Legion Condor zur Verschwiegenheit angehalten worden.