Weltmeisterschaft ’78 ohne Franz Beckenbauer

Von Gerhard Seehase

Die teuersten Beine der Welt gehören weder einer Marlene Dietrich noch einer Sophia Loren. Die teuersten Beine der Welt stecken überhaupt nicht in Nylons, sondern in Fußballstiefeln. Sie sind stramm, aber empfindlich. Ein kleiner Knacks in irgendeinem der sorgsam gesalbten Muskeln genügt, um die Fans in Katastrophen-Stimmung zu versetzen. Der Knacks, der im deutschen Fußball durch den Weggang eines Franz Beckenbauer entsteht, wird natürlich noch viel schwerer zu verkraften sein. Denn hier packt ein Idol die Koffer, das als Markenartikel für den Fußball "made in Germany" von niemandem übertroffen wurde.

Franz Beckenbauer wird der deutschen Nationalmannschaft, die den Titel eines Weltmeisters zu verteidigen hat, 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien nicht mehr zur Verfügung stehen. Statt im Trikot des FC Bayern München oder der deutschen Nationalelf wird er ab Ende Mai dieses Jahres bei der New Yorker Soccer-Gruppe "Cosmos" spielen, die dem dollarschweren Konzern der "Warner Communications" angehört. Für einen Dreijahresvertrag, bei dem Beckenbauer etwa sieben Millionen Mark verdienen kann.

Gentleman am Ball

Diesmal geht es beim Münchner Fußball-Genie Franz Beckenbauer also nicht um Sport als Erwerb, diesmal ist es umgekehrt: Erwerb als Sport. Denn in den USA hat Fußball (oder "soccer", wie es dort heißt) im Gegensatz zu den europäischen oder südamerikanischen Gala-Vorstellungen bestenfalls die Bedeutung eines Provinztheaters. Die "Warner Communications" verpflichten einen Beckenbauer also nicht, weil er so gut Fußball spielen kann, sondern weil man hofft, mit seinem Namen für alle möglichen Artikel werben zu können.

Fußball steht in der Dramaturgie der Leidenschaften an erster Stelle auf deutschen Sportbühnen. Er ist dabei dem Wandel der Zeit unterworfen, wie andere gesellschaftliche Phänomene auch. In der Bundesrepublik Deutschland zum Beispiel hat er seit Einführung der professionalisierten Bundesliga im Jahre 1963 ein anderes, härteres Gesicht bekommen. Keine Frage, daß diese Bundesliga, der Profifußball also, einen neuen Spielertyp geprägt hat: den Allroundspieler, der keine konditionellen Mängel aufweist und auf allen Posten spielen kann.