Von Ulrich Schiller

Washington, im April

Energie sparen selbstverständlich sind wir dabei. Aber wir werden es nicht hinnehmen, wenn der Präsident die Benzinsteuer erhöht." Der Abgesandte der Gewerkschaft der Teamster aus Südkalifornien schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Es ist ihm ernst. Schließlich denkt er an seine Gefolgsleute, von denen nicht wenige mit ihrem Auto täglich sechzig Meilen zum Arbeitsplatz und folglich die gleiche Strecke auch wieder zurück fahren müssen. "Kalifornien ist ein Auto-Staat. Carter kann uns doch nicht mit New York vergleichen, das öffentliche Verkehrsmittel hat." Der Teamster-Funktionär hat soeben in Washington bei den kalifornischen Kongreßabgeordneten vorgesprochen, um sie zur Vorsicht bei der Gesetzgebung zum Energieprogramm zu mahnen.

Aus dem New York benachbarten Newark beschwert sich unterdessen Bürgermeister Gibson bei Jimmy Carter, das Energieprogramm lasse jeden Anreiz zum Ausbau der Massentransportmittel und jegliche Hilfestellung für die Sanierung der Großstädte vermissen:

Scharlatanen, die sich den Ärmsten der Armen zur Isolierung ihrer Wohnungen andienen, werde Tür und Tor geöffnet, befürchtet der Abgeordnete Mitchel aus Maryland. Leon Shull, Direktor der Vereinigung "Amerikaner für die demokratische Aktion", wirft Carter den Bruch eines Wahlversprechens vor, denn das Energiepaket verzichte auf die Zerschlagung der Ölkonzerne und William Raspberry, Kommentator der Washington Post, läßt in einem offenen Brief an den Präsidenten seiner Enttäuschung freien Lauf, daß Carter der Nation die harte Kost des Sparens zwar angekündigt, doch dann in Wirklichkeit "Marshmallows", süße Klümpchen aus weißer zähklebriger Masse, gereicht habe. "Wenn ich Diktator dieses Landes wäre", schreibt ein Leser der Washington Post, "ich würde neunzig Prozent der Zivilluftfahrt stillegen, um die absurde Energieverschwendung im Luftverkehr zu beenden."

Howard Baker, Fraktionsführer der republikanischen Minderheit im Senat, hält das Energieprogramm für die massivste Steuererhöhung in der Geschichte der USA, doch David Cohen, Präsident von "Common Cause", der größten Organisation zur Förderung des Gemeinwohls, sammelt – die Scharen seiner Mitglieder zum Kampf gegen die "Haie", die aus Gruppenegoismus und in schnöder Gier das "so dringend notwendige, umfassende und faire Energieprogramm Präsident Carters" zerfetzen wollen.

Als ob er einen schweren Stein in den Teich geschleudert hätte, so schlägt Carters Energieprogramm jetzt rundherum heftige Wellen. Zahlreiche Organisationen und Interessenverbände trommeln ihre Mitglieder zusammen, stellen Gutachter ein und wollen ihr Urteil nur nach reiflicher Prüfung abgeben. Zurückhaltung hat sich auch der große Gewerkschaftsdachverband AFL/CIO auferlegt, und selbst die Automobilindustrie verhält sich äußerst vorsichtig. Kein Aufschrei und Protest bislang, wie das Weiße Haus zur Stimulierung der öffentlichen Meinung gehofft haben mag, vielmehr geschmeidige Worte der Anpassung aus dem Munde des Aufsichtsratsvorsitzenden von General Motors: "Was für dieses Land am besten ist, ist auch für General Motors am besten." Früher las man es umgekehrt.