ARD, Sonntag, 1. Mai: "Zweierlei Volksmusik", von Walter Moßmann, Peter Schleuning und Frans van der Meulen.

Was es mit dem Volkslied-Boom auf sich hat, von dem seit ein paar Monaten so oft die Rede ist, offenbart am Sonntag, dem "Tag der Arbeit", eine Fernsehsendung auf eine ganz außergewöhnliche Weise. Es ist da nämlich von den "Machern" die Rede – nur daß diesmal damit nicht die Trend- und Boom-Hasardeure gemeint sind, die dauernd nach Gelegenheiten suchen, raffiniert und marktgerecht zurechtgemachte Volksmusikware zu lancieren, sondern ausnahmsweise die Leute, die wirkliche Volksmusik noch wirklich selber machen: Gastwirtsfrauen, Weinbauern, Arbeiter, Studenten, erstens weil sie Spaß daran haben, zweitens weil die Umstände sie dazu nötigen. Und, tatsächlich haben die Autoren dieses Fernsehfilms – von denen zumindest der Freiburger Liedermacher Moßmann Erfahrungen im Metier hat – die selten gewordene, aber offensichtlich durch technische Mediennoch nicht umgebrachte, plötzlich durch einen politischen Eklat aufgerüttelte Tradition des Volksliedersingens aufgespürt: in und um Wyhl.

Ihre Entdeckung ist so beweiskräftig, daß es eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre, die Variante der kommerziell verzerrten Volksmusik dazu als komischen Gegensatz vorzuführen, wie ihn das – aus Mutter Maria und Tochter Margot bestehende und von einem Professor fit gemachte – Duo Hellwig darstellt, in einem "Kuhstall" genannten Folklore-Restaurant oder in einer populär sich anbiedernden Fernseh-Show.

Drastisch wirkt der Kontrast auf jeden Fall hier das Duo Hellwig, das einfältig, und clever sein elektronisch geglättetes Gemütsfutter verkauft, dort "die singenden Winzerinnen von: Breisgau", auch ein Duo, das nahe dem Wyhler Wald unversehens ein Volkslied verändert und damit den Verstand mobilisiert; hier der Folklore-Schlager der Hellwigs: "Das Edelweiß vom Wendelstein erblüht am Felsenhang; ich trag sein Bild ein ganzes Leben lang" – dort ein folkloristisches Walzerlied, aus dessen Text "Das Leben fängt mit fünfzig an, mit fünfzig wird’s erst schön" dann ein anderer wird: "In Wyhl, da gibt’s kein KKW, in Wyhl wird nicht gebaut". KKW heißt Kernkraftwerk; eins ist im Wyhler Wald projektiert und wurde, bisher, durch die Aktivität der heimatliebenden Bürger verhindert. Selbst der Männergesangverein Rheintreue holte sich das Thema in das alte Lied von der "Freiheit, die ich meine" herein und verlangt nun "Freiheit für den Kaiserstuhl – kein Kernkraftwerk am Rhein".

Was überraschen mag an diesem nirgends forcierten Filmbericht, ist die gänzlich unverkrampfte Art dieser Leute im Umgang mit dem Volkslied. Gefragt, ob das denn noch Volksmusik sei, antwortet jemand: ja, "weil dadrin Wahrheit ist, was da gesungen wird". Selbst die Hellwigs, denen die Autoren eines der Wyhler Lieder vorspielen, sagen, das sei "Volksmusik für die heutige Zeit"; sie sei ja doch entstanden wie immer schon: "Die Probleme der Zeit werden besungen." Freilich verleitet sie das keineswegs, daran zu zweifeln, daß ihre Art von geschleckter Volksmusik auch wichtig sei, für Leute, "die von der klassischen Musik zum Beispiel nicht erfaßt werden".

Vielleicht wären die in allen Medien so überaus geübten, mit dem Playback vertrauten, im Verkauf ihrer Kunst so versierten Jodlerinnen aber stutzig geworden, wenn sie auch den badischen Winzer im Film reden gehört hätten. Das Freiburger Volksliedarchiv hatte ihn für 250 Mark gebeten, sein aktualisiertes Volkslied zu singen, da sagte er: "Ich war zunächst ganz perplex", und dann, "das finde ich doch überhöht."

Der Gegensatz brauchte keinen polternden Kommentar, er zeigte sich von ganz allein. So entstand ein verhältnismäßig leiser, in der Machart sogar konventioneller Film. Verdienstvoll ist er vor allem deswegen, weil er zeigt, wie das ist, wenn ein Volkslied "entsteht" – und daß das, die Provokation durch das Leben vorausgesetzt, tatsächlich noch geschieht: nicht durch ehrgeizige Liedermacher, sondern durch Leute, die nur gern singen. Manfred Sack