Steuert die Stahlindustrie auf ein weltweites Kartell zu?

Von Horst Kerlikowsky

Die Schreckensmeldungen aus der Stahlindustrie häufen sich: In Frankreich ist die Verschuldung der Stahlwerke mit 34 Milliarden Franc inzwischen so hoch wie ihr Jahresumsatz. 1977 werden sie wieder mindestens eine Milliarde Francs Verluste ausweisen. Massenentlassungen und Betriebsschließungen sind nicht mehr zu vermeiden.

In Belgien konnten die drei großen Stahlwerke nur durch einen Staatskredit von 9,3 Milliarden Franc (600 Millionen Mark) gerettet werden. In Luxemburg meldet die Arbed-Gruppe (zu der auch die Röchling-Burbach-Werke im Saarland gehören) trotz einer Umsatzzunahme von zehn Prozent für das letzte Geschäftsjahr einen Verlust von 1,34 Milliarden Franken.

In der Bundesrepublik stellt die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie im ersten Quartal des Jahres gegenüber der Vergleichszeit 1976 einen Produktionsrückgang um zehn Prozent fest, gegenüber dem ersten Quartal des guten Stahljahres 1974 sogar um 30 Prozent. Jeder Vierte der 207 000 in der deutschen Eisen- und Stahlindustrie Beschäftigten arbeitet kurz. "Die Lage ist ernst", erklärte denn auch Vorstandsmitglied Theodor Wuppermann von der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl auf der Hannover-Messe.

Flucht in den Dirigismus

Entschieden drastischer schildern die Industriellen in den Nachbarländern die Lage, ebenso die Gewerkschaften und nicht zuletzt die Kommission der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Brüssel. Die seit drei Jahren anhaltende Absatzkrise der Stahlindustrie, notwendige Produktionsrücknahmen, Preisverfall, Kurzarbeit und Entlassungen haben in den drei Gruppen den Für-Sprechern eines weltweiten Stahlkartells Auftrieb gegeben.