Trotz des Pechs kann der europäische Kunstmond der Wissenschaft dienen

Von Thomas v. Randow

Das Ereignis fand siebeneinhalbtausend Kilometer entfernt, am Kap Canaveral in Florida statt. Die größte Erregung jedoch rief es hier in Darmstadt hervor, im Kontrollraum des Operationszentrums ESOC der europäischen Raumfahrtbehörde ESA (European Space Agency). Hier saßen die Spezialisten an ihren in drei Reihen aufgestellten Tischen vor Bildschirmen und Kontrollgeräten mit bunten Lämpchen – ein Bild zum Verwechseln ähnlich denen, die wir in den Tagen der ersten Mondexpeditionen so oft am Fernseher betrachtet hatten.

Betrachtet wurden die europäischen Kontrolleure durch eine Glaswand, die den Arbeitsraum akustisch von den Zuschauern trennt – diesmal waren es Honoratioren aus der Umgebung.

Man wartete auf den Start der Delta-Rakete, die den europäischen Kunstsatelliten GEOS auf die für ihn vorgesehene Erdumlaufbahn tragen sollte.

Das dreistufige Gerät, das die Europäer inklusive Abschuß-Service für 34 Millionen Mark gekauft hatten, hob pünktlich ab. Erleichtert machten die versammelten Fachleute vor und die Ehrengäste hinter der großen Glasscheibe ihrer Freude Luft. Doch während die Bürgermeister, Direktoren und Professoren, die dem Ereignis beigewohnt hatten, noch in Hochstimmung ob des gelungenen Beginns eines bedeutenden europäischen Unternehmens auf dem Heimweg waren, befielen die Experten in Darmstadt erste Zweifel am Gelingen. Während die anfangs von der Bodenstation auf der Südatlantikinsel Ascension aufgefangenen Telemetriedaten des Fluggeräts noch darauf schließen ließen, daß alles nach Plan verlief, stellt sich 20 Minuten später, als die von einer australischen Station empfangenen Daten bekannt werden, heraus, daß etwas nicht stimmt.

Die Datenrate, der Sonnensensoren ist zu gering. Allmählich kommt der Verdacht auf, daß sich der Kunstmond nicht schnell genug um seine eigene Achse dreht. Statt 90mal in der Minute zu rotieren, schafft er gerade zwei Umdrehungen pro Minute. Es muß schnell gehandelt werden. Man entscheidet sich für ein Spin up, ein kleiner Motor wird gezündet, der den Satelliten auf eine Rotation von zwölf Umdrehungen bringt.