Schleichende Zensur: Aktion gegen Buchhändler, Verzagen des Börsenvereins, Theaterkrach in Stuttgart

Die Zensur schleicht und schleicht und schleicht. Dies die neuen Fälle, die als das bezeichnet werden sollten, was sie sind: Maßnahmen, die nicht nur die geistige Freiheit bedrohen.

  • Seit Monaten läuft, kaum beachtet, eine „Staatsschutzaktion“ gegen „verdächtige“ Buchhandelsbetriebe. Etwa vierzig Verlage, Vertriebe, Buchhandlungen, Druckereien stehen im Verdacht, gegen den Paragraphen 88a des Strafgesetzbuches (Befürwortung von Gewalt) verstoßen zu haben. Anlaß für Polizei-Aktionen ist eine Materialsammlung, in der die Auswirkungen eben dieses Paragraphen dokumentiert sind: „88a in Aktion oder Wie man Bücher verbrennt, ohne sich die Finger schmutzig zu machen.“ Das von siebzig Unternehmen herausgegebene Schwarzbuch kann einen schwarz sehen lassen für die Zukunft des Rechtsstaates, wenn man von Polizei-Besuchen liest, bei denen der Durchsuchungs-Befehl auf eine gar nicht existierende Person ausgestellt ist. Vollmundig gibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Solidaritäts-Erklärung ab, nimmt sie aber gleich zurück mit dem Protest gegen „jede unzulässige Zensur“ – womit jede „zulässige“ Zensur, die das Grundgesetz aber auch nicht kennt, gebilligt wird.
  • Mit zwei Zungen redet der Börsenverein auch bei der Vorbereitung einer Buchausstellung, die im Sommer in Moskau stattfindet. „Keinerlei Zensur“ versprach der Börsenverein, als er die Verlage zur Teilnahme einlud. Acht Wochen nach der Anmeldung jurierten die Veranstalter – ohne Rücksprache mit den Verlagen – Bücher aus: vom (maoistischen) Oberbaumverlag fast alles, vom Fietkau Verlag einen Gedichtband von Ute Erb. Begründung: Zu großes Titelangebot. Als bekannt wurde, daß Ute Erb gerade auf Einladung des Sowjetischen Schriftstellerverbandes in Moskau sei, war ihr 32-Seiten-Bändchen plötzlich wieder im Aufgebot. Und da soll man nicht argwöhnen, der Veranstalter habe den Einspruch der DDR befürchtet, weil Ute Erb nach der Flucht aus der DDR vor siebzehn Jahren ein Buch geschrieben hat unter dem Titel: „Die Kette an deinem Hals – Aufzeichnungen eines zornigen jungen Mädchens aus Mitteldeutschland“?
  • Ähnlich doppelzüngig die Aktion in Stuttgart. Ausdrücklich wird die Aufführung von Ulrike Meinhofs Report zur Fürsorgeerziehung „Bambule“ von der Intendanz „nicht verboten“, zugleich aber werden Proben in dieser Spielzeit untersagt. Was also? Der Schauspieldirektor Claus Peymann setzt sich für dokumentarische Texte ein, die Ulrike Meinhof vor ihrer Wendung zu politischer Kriminalität geschrieben hat und die in jeder Buchhandlung erhältlich sind. In einem Vorspiel wollte sich die Stuttgarter Mannschaft von falschen Sympathisanten distanzieren, aber doch endlich Szenen zur Diskussion stellen, die auch politische Gegner von Ulrike Meinhof für richtig, für notwendig halten.

Weshalb lassen es Börsenverein und Stuttgarter Intendanz nicht darauf ankommen und stehen zu ihrer ursprünglichen Entscheidung? Sollen doch die Sowjets, soll doch das Kultusministerium in Stuttgart ein Verbot aussprechen. Wir Angsthasen der Kultur zerbrechen uns immer auch noch die Köpfe der Verächter von Kultur. Wie bedroht das geistige und kulturelle Leben in der Bundesrepublik ist, zeigt die gewiß nicht linksverdächtige Entscheidung des Intendanten vom Westdeutschen Rundfunk, das Kultur-Ressort des Fernsehens aufzulösen. Das bißchen Verteidigung der Kultur gegen ihre Verächter, schlimmer: gegen die Leisetreter in den eigenen Reihen müssen wir schon selber aufbringen. Oder sollte Ute Erb doch recht haben: „Kein Rückgrat hat der Mensch – ein Schalentier?“ Rolf Michaelis