Von Benjamin Henrichs

Das erste, was ich von Karin Strucks neuem Buch zu Gesicht bekam, war ein kleines Schild, das der Verlag vorne auf das Leseexemplar draufgeklebt hatte. "Auslieferung voraussichtlich 30. 3. 77" stand da, und die Aufforderung, vorher doch bitte keine Rezension zu veröffentlichen.

"Auslieferung 30. März" – zum erstenmal ist mir der Doppelsinn des Wortes aufgefallen: Ausgeliefert und verschickt wird ja nicht nur ein Bündel bedrucktes Papier. Ausgeliefert wird, und ausgeliefert hat sich der Autor selber: Wenn das Buch erscheint, die ersten Leser es anfassen, ist er erst einmal bloßgestellt – vor der kritischen und vor der nicht so kritischen Öffentlichkeit. Daß der Autor es selber so gewollt hat, macht die Sache nicht einfacher: sich bloßzustellen und dann warten müssen, auf die Urteile der Kunstrichter, des Publikums, das muß eine Situation sein zum Fürchten. Vor allem für eine Autorin wie Karin Struck, die von sich schreibt, und man glaubt ihr den Satz: "Sie war durch alles zerstörbar, immer noch hautlos preisgegeben." Jetzt erscheinen die ersten Rezensionen. Und schon fliegen die ersten Steine.

Der Titel des Buches ist auch schon seine Inhaltsangabe –

Karin Struck: "lieben", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 451 S., 34,– DM.

"lieben" handelt vom Lieben, von nichts sonst. "Aber was ist Liebe?", fragt Karin Struck, fragt es sicher hundertmal. Und: "Wie kann man über Liebe schreiben Damit ist gleich die ganze trostlose, tollkühne Aussichtslosigkeit des Unternehmens zugegeben: natürlich gibt es keine definitive Antwort, nur tausend Versuche dazu. Ein Nicht-Entwicklungsroman: ein Buch, das immer wieder auf der Stelle tritt und redet, das immer wieder zu denselben Schmerzen, denselben Schmerzenssätzen zurückkehrt.

So ist man am Ende zwar um keine Erkenntnis reicher, zumindest aber um ein paar Geschichten, Bruchstücke von ihnen. "Lotte" (eine Anspielung auf den "Werther") nennt Karin Struck ihre Hauptfigur. "Eine Frau im dreißigsten Jahr" (wie Buch und Klappentext gravitätisch mittel len). Eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Von ihrem Ehemann ("Johannes") versucht sie sich zu trennen; an einen Schriftsteller ("Jochen") will sie sich binden. Dieser Jochen schwängert sie, entzieht sich ihr, bringt es gerade noch fertig, sie auf die Fahrt zur Abtreibung nach Holland zu begleiten. Versuche Lottes, Jochen aus ihrem Kopf und ihren Gefühlen zu verdrängen. Spaziergänge über Friedhöfe. Gedanken an den Tod. Auf einer Insel, im Schnee, ein scheiternder Selbstmord. Der Versuch, ohne Männer zu leben; der Versuch, eine Frau ("Sonja") zu lieben. Dann ein Rückweg zu den Männern. Viele, flüchtige Beziehungen. Am Ende die Hoffnung auf einen neuen Menschen ("Lenz"), auf ein Gefühl, des Dauer hat.