Zeitmosaik

Franz, Du bist keiner für Amerika!

Bundestrainer Helmut Schön zu Franz Beckenbauer

Hollmann hört auf

Es begann mit einem Triumph: als Hans Hollmann im Dezember 1974 im Foyer des neuen Basler Theaters seine spektakuläre Karl-Kraus-Revue "Die letzten Tage der Menschheit" inszenierte, rief ihn das Basler Publikum zum neuen Intendanten, zum Nachfolger Werner Düggelins aus. Jetzt endet es eher prosaisch: Hollmann will seinen Intendantenvertrag, der bis zum Ende der Spielzeit 1977/78 läuft, nicht mehr verlängern. Für diesen Rückzug in die Karriere des Regisseurs mag Hollmann viele Motive haben: finanzielle Probleme, Schwierigkeiten mit der Bühnengewerkschaft, der nach seiner "Othello"-Inszenierung sich wieder stärker artikulierende Mißmut Schweizer Bürger und ihrer politischen Repräsentanten gegen jede exzentrische "unschweizerische" Form von Theaterspiel. Tieferer Grund aber dürfte sein, daß es Hollmann nie auch nur annähernd gelungen ist, noch einmal jenes Aufsehen zu erregen wie bei den "Letzten Tagen der Menschheit"; daß der Intendant Hollmann den Regisseur Hollmann wohl doch bei der Arbeit belastet hat. Hollmann, der demnächst bei den Ruhrfestspielen seine eigene Version von Shakespeares "Coriolan" vorzeigen wird (Titel "Coriolan – Ein Heldenleben", Titelrolle Boy Gobert, Premiere am 13. Mai), ist ein neues Opfer einer alten Misere: der Unmöglichkeit, gleichgut Intendant und Regisseur zu sein. Hans Lietzaus Berliner Schwierigkeiten, Peter Palitzschs beginnender Rückzug aus der Direktion in Frankfurt, Peter Zadeks Weggang aus Bochum – die Zeit der großen Prinzipale, die noch beides waren, Künstler und Verwalter, geht unweigerlich zu Ende, und es ist gut so.

Karl Ritter

Französische Kritiker erklärten ihn zum "deutschen Howard Hawks", hierzulande gilt er als Musterschüler von Goebbels. Karl Ritter, der jetzt im Alter von 88 Jahren in Buenos Aires gestorben ist, drehte so berühmte NS-Filme wie "Verräter" (1936), "Urlaub auf Ehrenwort" (1938), "Stukas" (1941) und "GPU" (1942). Handwerklich war er der beste Regisseur des Dritten Reiches, erheblich begabter als etwa Veit Harlan oder Hans Steinhoff. In Hollywood hätte er mit seinem dynamischen, aktionsbetonten Stil eine große Karriere machen können. Wie Howard Hawks war Karl Ritter ein leidenschaftlicher Flieger, und einige seiner eindrucksvollsten Filme handeln von der Fliegerei, von der Herausforderung durch das Abenteuer, leider verschandelt durch militante Nazi-Ideologie: "Über alles in der Welt", "Pour le M6rite", "Patrioten" und "Stukas". Nach zwei Comeback-Versuchen in den fünfziger Jahren siedelte sich Ritter endgültig in Argentinien an. Seinen Lilian-Harvey-Film "Capriccio" (1938) zeigt das Fernsehen (Erstes Programm) am 15. Juli.

Die Bürgschaft

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Professor Dr. h. c. Julius Posener, diesjähriger Kunstpreisträger der Akademie der Künste Berlin, und die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz haben die Bürgschaft für einen Hafturlaub von Horst Mahler übernommen. Nach der neuen Strafvollzugsordnung steht Mahler ein solcher Urlaub zu. Die Landesleitung der CSU München sah in diesem Schritt offenbar eine Solidarisierung mit den politischen Zielen des ehemaligen APO-Anwalts, der inzwischen übrigens vom "harten Kern" seiner ehemaligen Verbündeten als Verräter attackiert wird. Die beiden Bürgen haben nun in einer Stellungnahme erklärt, daß ihr Schritt "keine Identifikation mit den politischen Vorstellungen des Inhaftierten" bedeute, vielmehr als "Verteidigung der Menschenwürde auch des Andersdenkenden" zu verstehen sei. Auch Pastor Albertz wurde nicht zum Guerrillero. Die Frage allerdings bleibt offen: was geschieht mit den beiden Bürgen, wenn Horst Mahler im Molotow-Untergrund verschwindet?

Dissidenten-Markt

Ullsteins "Kontinent"-Strategie lohnt sich – der dem Springer-Konzern gehörende Berliner Verlag wird zum Kontinent sowjetischer Dissidenten. Nachdem schon neben anderen Nekrassow und Sinjawskij Generalverträge mit Ullstein schlossen, hat ihm nun auch Andrej Amalrik seine deutschen Buchrechte auf die Dauer der nächsten fünf Jahre übertragen. Der Export sowjetischer Autoren – vermutlich entgegen den Absichten der Exporteure – schafft deren Werken beachtliche Märkte.